Was Schauspielchef Weber in Bochum plant

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Mal lokal, mal europäisch aufgestellt: Bochums künftiger Schauspielchef Anselm Weber ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Dass „Tatort“- Kommissar Dieter Bär zurückkehrt, um einen abgehalfterten SS-Offizier zu spielen, merkt Anselm Weber mal eben so an. Dass Armin Rohde den Cyrano de Bergerac spielt und Katharina Thalbach dabei Regie führt, teilt der kommende Intendant des Schauspielhauses Bochum auch nicht als erstes mit. Mit Prominenz will einer wie er nicht punkten. In der Villa Nora erzählt der Regisseur, was er so vorhat ab dem Herbst.

Als bekannt wurde, dass die Bochumer der Nachbarstadt Essen den Schauspielchef abwarben, gab‘s nicht wenig Vorab-Kritik für Einfallslosigkeit. Weber hatte einige der erfolgreichen Projekte seines Bochumer Vor-Vorgängers Matthias Hartmann fortgeführt, zum Beispiel den Regisseur David Bösch ans Haus gebunden. Für wie viel Neuanfang steht Weber? Die Skepsis klingt nach, und so verwendet Kulturdezernent Michael Townsend nicht zufällig den Begriff „Aufbruch“.

Der 46-jährige Regisseur präsentiert sich selbstbewusst, mit neuen Ideen und der Übernahme von Bewährtem. Ein Paukenschlag soll die Saison eröffnen: Fünf Premieren an einem Wochenende, vom 23. bis 26. September, wenn die Ruhr-Triennale noch läuft. Bösch (mit Shakespeares „Sturm“ und Hauptmanns „Ratten“) und sein Kollege Roger Vontobel (mit einem Antikenprojekt und Schillers „Jungfrau von Orleans“) kommen als Hausregisseure. So gibt es Erkundungen in die Stadt hinein wie schon in Essen, diesmal mit „Next Generation“, einem Projekt mit Jugendlichen von Nuran David Callis. Und er lässt Martina von Boxen ihre erfolgreiche Kinder- und Jugendarbeit fortsetzen.

Aber er setzt auch Akzente, die Frische versprechen im Stadttheatergeschäft. So lädt er internationale Regisseure ein, mit dem Bochumer Ensemble zu arbeiten. Gleich die erste Premiere bestreitet der niederländische Regisseur Paul Koek, der eine Bühnenfassung von Voltaires Roman „Candide“ inszeniert. Der tunesische Regisseur Fadhel Jaibi (Weber: „der große alte Mann des nordafrikanischen Theaters“) deutet die antike Tragödie „Medea“. Der Istanbuler Regisseur Mahir Günsiray setzt sich mit dem deutschen Nationaldrama „Faust“ auseinander. Das Haus soll wieder für Uraufführungen stehen. Gleich fünf Autoren will Weber ans Haus binden, darunter Christoph Nußbaumeder und Reto Finger. Außerdem soll es wieder Tanz geben in Bochum, am Anfang eine Choreografie von Malou Airaudo, Solistin im Tanztheater von Pina Bausch. So sehr Weber auch dem Nationalpatriotismus schmeichelt, er will Theater auf Bundesliga-Niveau machen und strebt ins internationale Geschäft. Das Programmbuch trägt den Titel „Boropa“.

Er scheut nicht die Provokation, erklärt zum Beispiel sein Haus zur Franz-Wittenbrink-freien Zone, weil er die Arbeit des populären Liederabend-Kompilators nicht mag. Er unterstreicht, dass auch prominente Schauspieler im Ensemble fest und exklusiv in Bochum arbeiten und nicht als gelegentliche Gäste eingeflogen werden. Er moniert, dass die Ruhr-Triennale sich vom Sommer immer mehr in den Herbst ausdehne und fragt, warum das Schauspielhaus Düsseldorf „Geld ohne Ende“ habe, wo es doch in NRW offiziell keine Staatstheater gebe. Das sei eine ungerechte Behandlung.

Dabei muss er sich vorerst keine Sorgen ums Geld machen. Auch mit einem Nothaushalt hält die klamme Stadt Bochum ihren Anteil von 16 bis 17 Millionen am Etat vom 20 bis 22 Millionen Euro. Aber Kulturdezernent Townsend nutzte die Programmpräsentation, um einen dramatischen Appell der Kulturdezernenten und Intendanten des Landes weiterzureichen. Auf lange Sicht komme auch das Bochumer Schauspiel mit dem Geld nicht aus. Das finanzielle Dilemma der Städte müsse vom Land ausgeglichen werden. Zwar habe die abgewählte Regierung den Kulturetat verdoppelt. Aber noch immer zahle NRW im Ländervergleich die niedrigsten Zuschüsse an Bühnen. Andere Länder trügen 30 bis 50 Prozent der Kosten. In NRW seien es 3 Prozent. Als Hilfe, um die Krise zu überwintern, solle das Land 20 Prozent der Theaterkosten tragen.

http://www.boropa.de

Quelle: wa.de

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