Mit einer Stimme: Theater für Sprechchor in Dortmund

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Ein Stück für den Chor: „Das phantastische Leben der Margot Maria Rakete“ am Schauspiel Dortmund.

Von Ralf Stiftel

DORTMUND - 79 Stimmen sprechen als ein Ich. „Ich habe 158 Arme.“ Und 158 Beine. Und 789 Zehennägel. „Ein Zeh ist ab“, sagt eine Frau. Ein Kollektiv mit sieben künstlichen Hüftgelenken, das am liebsten Alkohol und Kaffee trinkt. Die 79 sitzen im Studio des Theaters Dortmund. Das Publikum steht zunächst auf der leeren Spielfläche. „Das phantastische Leben der Margot Maria Rakete“ beginnt mit einem Rollentausch.

Kein antikes Drama kam ohne Chor aus. Der diente als Resonanzkörper für die Erlebnisse der Helden. Und als Stellvertreter des Publikums. Später kam der Chor aus der Mode. In Dortmund gibt es seit zwei Jahren wieder einen als 17. Ensemblemitglied, eben den Sprechchor, geleitet vom Schauspieler Christoph Jöde und dem Dramaturgen Alexander Kerlin. Es ist ein in der deutschen Bühnenlandschaft einzigartiges Projekt. Mehr als 100 engagierte Laien wirkten bereits in mehreren Produktionen mit, unter anderem in der Bulgakow-Dramatisierung „Der Meister und Margarita“.

Nun haben sie ein eigenes Stück, das die Chorleiter mit dem Autor Thorsten Bihegue erarbeiteten. Es ist kein geschlossenes Drama, wie auch, sondern die kollektive Vorstellung eines Neuankömmlings. Dabei flossen Ideen, Wünsche, Erfahrungen der Choristen ein. Schon der Name der Titelfigur ist eine Konstruktion. Eine Handlung darf der Besucher nicht erwarten, die manchmal etwas esoterisch wirkenden, sich wiederholenden Anrufungen der Margot Maria Rakete sind auch nur ein ironisches Muster, eher Refrain als Antrieb. Das führt besonders im Schlussteil dazu, dass das Geschehen etwas abdriftet ins pompöse Ritual, zum Beispiel, wenn Margot Maria dann wirklich erscheint aus dem Gegenlicht, im Astronautenanzug, zu den Klängen von Strauss’ „Zarathustra“-Musik.

Man hätte die 100 Minuten ruhig beherzt als Revue ablaufen lassen sollen, die sie eigentlich sind. Da gibt es genug feine Schauwerte, die den Wert des Sprechchors verdeutlichen. Natürlich hat das schon eine wunderbare Kraft, wenn 79 Sprecher synchron einen Text vortragen, selbst wenn es darin nur um Arme und Beine geht. Aber man kann noch viel mehr tun. Viele Menschen ergeben eine imposante Kulisse, wenn man sie einfach im Raum verteilt. Sie können als lebendiger Vorhang dienen: Da steht jemand, von rechts kommen Choristen, er geht in der Gruppe ab, ein anderer bleibt mit Requisiten auf der Szene zurück.

Oder sie tanzen eine hübsche kleine Choreografie aus Gesten der Körperhygiene, Haare zurechtwischen, die Achsel abseifen, den Reißverschluss an der Hose schließen, den Stinkefinger zeigen. Oder sie erzeugen im Dunkel Geräusche, klappern mit den Zähnen, schmatzen und schnalzen, summen, heulen, schreien.

Manchmal treten einzelne Akteure als Solisten aus dem Ensemble. Da pflanzt ein Mann eine Blume in ein Erdhäufchen auf dem nackten Bühnenboden – um sie gleich darauf mit einem Hammer zu plätten. Oder einer steht als Golfer vor einem Ball, der direkt am Loch liegt, eigentlich kinderleicht, aber er denkt und denkt. Und sein Helfer ignoriert die Schläger, wirft stattdessen Küsschen ins Publikum. Dann endlich, mit dem zweiten Schläger, versenkt er den Ball. Und jubelt minutenlang. Und dann tanzen sie auf einmal den „Harlem Shake“.

Dieses Projekt mit Laien sieht nie laienhaft aus. Der Sprechchor stellt sich witzig und unterhaltsam vor.

8., 15., 28.6., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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