Das Schauspiel Dortmund will digital den Kontakt mit dem Publikum halten

Hinter die Kulissen des Schauspiels Dortmund führt die Filmreihe „Abgedreht“: Hier interviewt Ekkehard Freye die Intendantin Julia Wissert, dargestellt von Schauspielerin Linda Elsner. Foto: Sülwold/Bunse

Dortmund – Bis vor ein paar Tagen war die Welt im Schauspiel Dortmund beinahe in Ordnung. Zwar gibt es keine Vorstellungen, was für das Ensemble schmerzlich genug ist. Aber es konnte geprobt werden. Das Haus arbeitete weiter und versuchte, möglichst viele Inszenierungen zur Premierenreife zu bringen. Das ist vorerst wieder Geschichte. Mit dem Lockdown ruht auch der Probenbetrieb. „Wir verfügen uns hier alle nach und nach ins Homeoffice“, teilt Pressesprecherin Djamak Homayoun mit.

Ein Rückschlag. „Wir hatten doch bisher nur fünf Wochen“, sagt Chefdramaturgin Sabine Reich. Im September startete das Team um die neue Intendantin Julia Wissert. Da waren die Corona-Schutzmaßnahmen noch gelockert. „Wir fühlen uns wie Geistertheaterwesen“, sagt Reich. Die Energie fehle so. Selbst ein Buh gebe Energie, erklärt die Dramaturgin. „Theater ist immer das Live.“

Weitergearbeitet hat das Ensemble so lange, wie es ging. Beim „Lockdown light“ im November wurden die Theater wieder geschlossen. Da gingen sofort die Überlegungen los, wie man Produktionen irgendwie ans Publikum bringen könnte, in digitale Formate übertragen, obwohl den Beteiligten klar war, dass dies nur ein Ersatz sein könnte. Trotzdem steht inzwischen zur Inszenierung „Neue Arbeit“ im Spielplan „entfällt“. Dabei hatte das Team schon die Produktion umgestellt: Aus einer Mitmach-Inszenierung, bei der das Publikum jeweils in kleinen Gruppen in einen Erlebnisraum geführt worden wären und dort an einem Theaterapparat zum Beispiel ein Tretrad bedient hätten, bis ein Vulkan „ausbricht“, hätte eine Zoom-Produktion werden sollen. Da hätten Linus Ebner und Antje Prust stellvertretend für die Menschen an den Bildschirmen, sozusagen als Avatare, die Maschine bedient. Der Austausch aber, der wäre möglich gewesen. Jetzt wird im neuen Jahr entschieden, wie es mit der Produktion weitergeht.

Bei allen Enttäuschungen zeigt sich Sabine Reich bemerkenswert positiv gestimmt. Sie freut sich schon über die kleinen Dinge, die online realisiert werden können. Zum Beispiel „Abgedreht – Fantastische Theaterwesen und deren Alltag“, eine Youtube-Miniserie, bei der jeweils freitags um 19 Uhr eine neue Folge online geht. Hier stellen Menschen hinter den Kulissen sich und ihre „Superkräfte“ vor. Zum Beispiel die Ankleiderin, die Menschen morgens zu 15 Minuten mehr Schlaf verhelfen kann, weil sie eine besondere Technik beherrscht, Kleidung zurechtzulegen, damit es mit dem Anziehen schneller geht. Diese Filme kann man immer sehen. Wenn man aber zum Start freitags klickt, dann kann man zusätzlich noch eine gemütliche Zoom-Plausch-Runde erleben.

Ein anderes Projekt für Dortmund im Lockdown ist die „Winterreise“, eine Idee des Schauspielers Anton Andreew, die ursprünglich eine Lesungsreihe an den Adventssonntagen werden sollte. Jetzt ist es ein literarischer Spaziergang durch die Stadt mit Knopf im Ohr. Dabei muss man sich nur eine Audiodatei auf das Mobiltelefon laden. Anschließend kann man mit Kopfhörer vom Startpunkt am Hauptbahnhof einen Stadtrundgang von etwa einer Dreiviertelstunde Dauer machen, begleitet von den Stimmen des Ensembles, die zum einen auf Besonderheiten im Stadtraum aufmerksam machen, zum anderen aber mehr oder weniger weihnachtliche Texte von Autoren wie Else Lasker-Schüler, Selma Meerbaum-Eisinger, Brecht, Janosch, Tucholsky und vielen anderen vortragen.

Sabine Reich, die für die Terminkoordination zuständig ist, hat gerade die Spielpläne für Dezember und Januar in den Papierkorb geworfen, plant jetzt für Februar und März. Sie arbeitet an Milan Peschels Inszenierung einer Bühnenversion von John Steinbecks Roman „Früchte des Zorns“ mit. Die Premiere am 30. Januar? Abgesagt. „Je länger das dauert, desto mehr wünschen wir uns, dass wieder Menschen ins Theater dürfen“, sagt sie. „Das Adrenalin fehlt.“ Im Oktober durften 74 Zuschauer in eine Vorstellung im Schauspielhaus, weniger, als sonst ins Studio passen. Notfalls mache man, wenn es wieder losgehen kann, einen Premierenmarathon, eine Art Mini-Festival.

Immerhin habe das Theater als städtische Einrichtung eine gewisse Sicherheit, sagt die stellvertretende Theaterchefin. Da seien sie gegenüber den Kollegen in der freien Szene bessergestellt. Und auch wenn die Krise Folgen haben werde für das Theater, gehe es dann eben darum, kluge Lösungen zu finden. Darin sieht Sabine Reich auch eine Aufgabe des Theaters, der Kunst überhaupt: Antworten zu finden für das neue Normal nach der Krise.

Zu Weihnachten bietet das Theater mit allen Sparten des Hauses ein kostenloses Streaming-Programm an, das kostenlos Oper, Ballett, Konzert, Schauspiel und Kinderaufführungen umfasst. Am Heiligabend, 14 Uhr, starten die Aufführungen mit dem Weihnachtskonzert der Philharmoniker. Bis zum Neujahrstag findet der Theaterfreund täglich Angebote. Wer mag, kann sich revanchieren mit einer Spende für die Obdachlosenhilfe „Gast-Haus e.V.“ unter dem Stichwort „Weihnachtsspende“ auf das Konto des Theaters bei der Sparkasse Dortmund: IBAN DE32 4405 0199 0001 0500 60.

Die Online-Serie „Abgedreht“ gibt es unter dem Link www.tdo.li/abgedreht

Die Datei für die „Winterreise“ gibt es unter www.tdo.li/winterreise

www.theaterdo.de

Das Weihnachtsprogramm läuft unter www.theaterdo. de/weihnachten

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