Spitzel im Staate Dänemark: „Hamlet“ am Schauspiel Dortmund

+
Friederike Tiefenbacher (Gertrud), Carlos Lobo (Claudius) und Christoph Jöde (Laertes) in der „Hamlet“-Inszenierung von Kay Voges, zu sehen am Schauspiel Dortmund.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Der Mord geschieht vor laufender Kamera. Hamlet senior trägt gerade eine Regierungserklärung vor. Sebastian Kuschmann verspricht dem Volk mit sonorer Stimme: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Er stockt, hat einen trockenen Hals, trinkt – das Gift. Schnitt. Vereidigung des Nachfolgers. Dann redet Claudius (Carlos Lobo). Und lässt die Totenrede aus Shakespeares Drama übergehen in einen Aufruf: „Krieg dem Terror!“

Schauspielintendant Kay Voges inszeniert zum Auftakt der Spielzeit in Dortmund politisches Theater. „Hamlet“ steht auf dem Programm, „nach“ Shakespeare, nicht „von“. Der Tragödie unterlegt Voges eine zweite Spielebene, die über weite Strecken schlüssig funktioniert. Dänemark wird zum Symbol mal für die USA, mal für Deutschland. Laertes (Christoph Jöde), der Sohn des Höflings Polonius, bekommt eine zweite Identität als Whistleblower, als Warner, der die allgemeine Bespitzelung und Unterminierung der Grundrechte aufdeckt, mit der Schreibmaschine in der Hand, dem Symbolobjekt der alten, aber abhörsicheren Datentechnik. Polonius (Michael Witte), der Strippenzieher des Thronräubers Claudius, ist eine finstere Frankenstein-Figur, eine Mischung aus blutbedecktem Chirurg, Gentechniker und Programmierer. Und nichts in Helsingör ist vor Blicken geschützt, keine Privatheit existiert. Wenn Hamlet versucht, sich mit Ophelia zu verständigen, dann schauen Claudius und Gertrud am Bildschirm zu.

Bildschirme sind allgegenwärtig. Voges hat eine eigene Bühnenästhetik entwickelt, das Dogma 2013. Schauspiel wird in Dortmund immer mehr zum Live-Film. Mit High-Tech-Kameras wird auf die Leinwand gebracht, was gerade in Räumen gespielt wird, die der Zuschauer nicht direkt sieht. Da stellen sich neue Herausforderungen für Darsteller – sie erscheinen oft in Nahaufnahme. Und das Technik-Team (Programmierer Daniel Hengst und Lars Ullrich, Kameraleute Jan Voges und Robin Otterbein) wird zum Mitakteur. Sie entfesseln einen Bilderrausch, teilen die Leinwand in manchmal hunderte Felder, die durcheinanderwirbeln. Sie blenden aus dem digitalen Bilderkosmos ein, was früher fehlte: Volksaufstand? Her mit dem Tahrirplatz in Kairo, dem Majdan in Kiew. Diktatoren erscheinen, Rockfestivals, verfremdete Infrarotbilder vom ferngesteuerten Tod, den US-Piloten an ferne Kriegsschauplätze bringen.

Allerdings hat diese Verdichtung ihren Preis. Voges fragmentiert das Stück in Schlüsselstellen, setzt Sätze wie „Die Zeit ist aus den Fugen“ und „Mehr Inhalt, weniger Kunst“ als Leitmotive ein. Seine Collage gibt die Chronologie völlig auf, setzt mit Ophelias Tod ein, fährt mit Hamlets Monolog an Yoricks Grab fort, kommt dann zum Königsmord. Shakespeares Geschichte wird nicht erzählt, sondern als Folie genommen für einen Kommentar zur Gegenwart. Man sollte die Tragödie schon kennen, sonst verliert man sich.

Der Titelheld verliert viel in diesem Konzept: Eva Verena Müller spielt keinen Intellektuellen, keinen tragisch zaudernden Rebellen, sondern einen überforderten Jugendlichen, der das Spielzeug in seinem alten Kinderzimmer durchsucht, um sich zu wappnen, und der nach einem Heulanfall von Mutti zum Kuscheltier ins Bett gebracht wird. Wenn Müller mit der Plastik-MP unter selbst gespannten Wollfäden robbt, sieht das unpassend und nutzlos aus – Widerstand als kindliche Ersatzhandlung. Den Quickie von Claudius und Gertrud am Sarg verhindert Hamlet mit Rock aus dem Ghettoblaster. Ein lästiges Blag, aber keine Gefahr.

Das ist streckenweise fragwürdig, findet aber auch großartige Bilder, zum Beispiel in Claudius’ Reuemonolog, bei dem sich Lobo heißes Kerzenwachs auf die Zunge tropft. Schön ist auch der Schluss, bei dem der tote König in die Rolle des Fortinbras schlüpft, der den Schlamassel nun nicht aufräumt, sondern Hamlet fortzweifelt mit dessen Monolog „Sein oder Nichtsein“.

Leider aber endet hier der Abend nicht. In einem Nachspiel sinnieren Schauspieler in Plüschpuppenkostümen als Wum und Wendelin über das Theater, und die Gedanken von Schiller und Piscator werden zu Lachnummern. Es scheint, als vertraue der Regisseur seiner Arbeit nicht mehr. So denunziert er sie in der entleerten Pose, wenn Wum und Wendelin immer wieder skandieren: „Wir machen jetzt politisches Theater.“ Keine Applausordnung, stattdessen wird um Statements per e-Mail und SMS gebeten, die über einen Teil des Bildschirms flimmern, während auf dem größeren die Kamera auf die Zuschauer hält, die erst abwarten, irgendwann gehen. Aber Smartphones sind auch keine Lösung.

21.9., 1.10., 14.11.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare