Saxophonist Wayne Shorter begeistert in Essen

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Jazz-Legende in großer Form: Wayne Shorter in Essen mit John Patitucci (links) und Brian Blade (rechts).

Von Ralf Stiftel ESSEN - Das Publikum begrüßte Wayne Shorter mit einem Applaus, den andere erst nach dem Konzert bekommen. Kein Wunder, auf der Bühne der Philharmonie Essen stand eine lebende Jazz-Legende. Der 80-Jährige spielte einst im Quintett von Miles Davis, gründete die Jazzrock-Formation Weather Report mit und erweist sich immer noch als hochkreativ.

Am Anfang freilich sah es in Essen noch nicht danach aus. Der Saxophonist überließ seiner Band das Feld. Er hörte über weite Strecken nur zu, während er das Tenorsaxophon in den Halter stellte, sogar das Halteband darüber hängte. Dann griff er kurz zum Sopransaxophon, stimmte ein paar kurze Töne an, setzte das Instrument wieder ab. Shorter teilte sich seine Kräfte ein, wer wollte es dem Jazz-Senior verdenken?

Großartige Musik gab es ja trotzdem, schließlich zählen Pianist Danilo Perez, Bassist John Patitucci und Schlagzeuger Brian Blade selbst zu den profiliertesten Solisten des Jazz. Seit jahren spielen sie schon zusammen. Und hier erklangen nicht Songs. Shorters Quartett spielte drei Sets, jeder zwischen 20 und 30 Minuten lang, plus eine etwas kürzere Zugabe. Da waren zwischenzeitlich Themen und Motive bekannter Shorter-Kompositionen zu erkennen, auch aus seinem phantastischen Live-Album „Without A Net“ (Blue Note).

Aber die Band ließ sich sichtlich vom Augenblick mitreißen, musizierte in ständigem Blickkontakt und mit offensichtlicher Lust. Alle hatten Notenblätter vor sich. Aber irgendwie spielten sie dann doch etwas anderes. Mehrmals kramte Perez im Papier vor sich, ließ es dann wieder, ohne dass sein Spiel unsicher wirkte.

So gab es auch wenige Soli im eigentlichen Sinn, obwohl alle ihre Virtuosität bewiesen. Stattdessen tauschten sie ihre Ideen aus, Blade ließ einige seiner markanten, explosiven Schläge in dichte Tonfolgen Patituccis explodieren. Perez deutete zwischendurch einige Latin-Grooves an. Natürlich knüpft diese Musik an die großen suitenartigen Schöpfungen von Miles Davis aus den späten 1960ern an. Die Improvisationen wechselten ständig ihre Form, begnügten sich nie mit konventionellen Strukturen. Wenn kurz mal ein Bop-Rhythmus vorbeflog, wurde er nach wenigen Takten in etwas anderes verwandelt. Man mag hier nicht von Free Jazz sprechen, schon weil Shorter durchaus von Kompositionen ausgeht. Aber es kam verdammt nah heran – und hielt die Zuhörer gleichwohl pausenlos in Spannung.

Zumal Shorter keineswegs der Zuhörer blieb. Gewiss sind die Jahre nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Die typischen Altmänner-Schritte, in denen er zwischendurch umhertrippelte, lassen das ahnen. Aber am Instrument saß jeder Ton. Schon die kurzen Linien am Sopransax machten das klar. Und je länger das Konzert dauerte, desto weniger ließ er sich von seinen Mitstreitern bitten und steigerte sich in die vertrauten, rasend schnellen Toneruptionen, in machtvolle Melodiebögen, in seelenvoll überblasene Kadenzen. Shorter hat eine Stimme auf dem Saxophon, er schien zu singen, zu klagen, zu jubilieren. Der Mann zeigte, dass er noch alles abrufen kann. Großer, langer Jubel.

Quelle: wa.de

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