Der Feind im eigenen Land

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Als glückliche Familie präsentieren sich Chris (Jackson Pace), Nicholas (Damian Lewis), Jessica (Morena Baccarin) und Dana Brody (Morgan Saylor) der Öffentlichkeit. Szene aus „Homeland“. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ Sie streift einen Verlobungsring ab und fingert eine Pille aus der Dose. Carrie Mathison (Claire Danes) hat viel zu verbergen: ein nicht vorhandenes Privatleben, psychotische Schübe, illegale Aktionen als CIA-Agentin.

Ihm ist auch nicht zu trauen. Scharfschütze Nicholas Brody (Damian Lewis) war im Irak acht Jahre lang vermisst und galt als tot, doch dann wird der US-Soldat bei einer Kommandoaktion zufällig befreit. Von Folter und Isolation gezeichnet, wird er daheim als Held empfangen, doch bei Carrie Mathison schrillen die Alarmglocken. Sie hält ihn für einen Schläfer, für einen zu al-Quaida übergelaufenen Terroristen. Eine Wahnidee? Die Wahrheit über seine Gefangenschaft sagt Brody jedenfalls nicht.

Wie diese zweifelhaften Figuren einander belauern, wie ihr Misstrauen immer neue Nahrung sucht und findet – davon erzählt die US-Serie „Homeland“, die Sat.1 ab Sonntag zeigt. In enormer Erzähldichte und mit großartigen Darstellern zeichnet sie ein trübes Bild vom „Krieg gegen den Terror“ nach dem 11. September 2001, seinen Folgen für die Akteure (Armee, Geheimdienst) und das ganze Land.

Trotz der Thrillerqualitäten von „Homeland“ ist Sat.1 offenbar skeptisch, dass sich das deutsche Publikum in der allgegenwärtigen Angst vor Unterwanderung und Anschlägen in eigenen Land wiederfindet. Nach der Doppelfolge zum Auftakt ab 22.15 Uhr werden die weiteren zehn Teile erst ab 23.15 Uhr ausgestrahlt. In den USA lief die erste Staffel bei einem Bezahlsender vor 1,3 Millionen Zuschauern.

Patriotismus und Pathos, die sonst meist übliche Stimmungslage in US-Produktionen zum Krieg, werden als Mediengeklapper vorgeführt: Es gibt sie nur im Licht der Scheinwerfer, wenn der Vizepräsident den Heimkehrer begrüßt und sich Familie Brody im Vorgarten um den Baum mit der gelben Schleife gruppiert. Das Kerngeschäft der Terrorbekämpfung wird pragmatisch betrieben und ohne Moral oder Skrupel. Besonders tough tut sich Carrie Mathison hervor.

Rückblende: Zehn Monate vor Brodys Befreiung ließ sie sich in ein Bagdader Gefängnis schleusen. Sie teilte einem Gefangenen kurz vor der Hinrichtung mit, dass die CIA nichts zu seiner Rettung unternehmen werde, presste aber letzte Informationen aus ihm heraus: „Sonst stirbt Ihre Familie.“ So erfuhr sie, dass ein US-Soldat von Abu Nazir umgedreht wurde. Dass es sich dabei um Brody handelt, glaubt sie aber alleine. Trotzdem riskiert sie ihren Job und den ihres Vorgesetzten (Mandy Patinkin) und lässt heimlich das Haus der Brodys verwanzen. Sie späht das Paar in seiner ersten Nacht nach Jahren aus: Wie er sie quasi vergewaltigt.

Die Autoren der Echtzeit-Serie „24“ stecken hinter „Homeland“. Während dort Kiefer Sutherland als Superagent Jack Bauer sich nicht um Recht und Gesetz scherte, aber ganz klar ein Guter war, stellen Howard Gordon und Alex Gansa hier zwei ambivalente Figuren in den Mittelpunkt. Carrie Mathison ist scharfsinnig und hartnäckig, doch ob sie nicht bloß ihren Obsessionen aufsitzt, bleibt in der Schwebe. Brody wiederum macht sich von Anfang an verdächtig – und gleichzeitig wünscht man ihm, er könnte heimkommen in ein normales Leben. Doch viel ist passiert in den letzten acht Jahren: Aus zwei Kleinkindern wurden pubertierende Teenager, die sich an ihren Vater nicht erinnern, und Ehefrau Jessica (Morena Baccarin) fand eine neue Liebe.

Das ganze Setting wird in gerade mal zehn Minuten aufgestellt, und in diesem Tempo geht es weiter.

Sonntag, Sat.1, 22.15 Uhr

Quelle: wa.de

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