Die Matriarchin trumpft auf

Sascha Hawemann inszeniert Tracey Letts‘ Drama „Eine Familie“ in Dortmund

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In der Schlacht: Szene aus „Eine Familie“ am Theater Dortmund mit Merle Wasmuth (vorn) und Friederike Tiefenbacher.

Dortmund - Diese Mutter ist unmöglich: Im einen Moment liegt sie am Boden, würgt die Zunge aus dem Mund, heult und lallt. Und dann wieder trumpft sie auf, nennt ihren Neffen einen „Schimpansen“, sagt ihrer Tochter, dass aus ihren Hochzeitsplänen nichts wird, gröhlt am Tisch wie ein besoffener Bauarbeiter „Wo ist das Fleisch“.

Friederike Tiefenbacher spielt Violet Weston am Schauspiel Dortmund mit vollem Körpereinsatz. Die tablettenabhängige, an Mundhöhlenkrebs erkrankte böse Witwe im Stück „Eine Familie (August: Osage County)“, deren Mann Beverly, der berühmte Dichter, sich gerade umgebracht hat.

Regisseur Sascha Hawemann zeigt mit seiner ersten Arbeit für Dortmund, dass dort nicht nur Platz für Experimente mit Videoeinsatz ist. Tracy Letts‘ 2008 mit dem Pulitzer-Preis gekröntes, 2013 mit Meryl Streep verfilmtes Familiendrama ist zuerst Vehikel für intensive Schauspielerleistungen. In der Nachfolge von Tennessee Williams und Eugene O’Neill zeichnet Letts den Verfall der Westons im Angesicht der Katastrophe. Die Beerdigungsfeier gerät zur Abrechnung, bei der keiner ungeschoren davonkommt. Der „Mythos Familie“ wird demoliert.

Das bietet reichlich Anlässe für große, mal aggressive, mal hysterische Auftritte. Tiefenbacher ist eine wunderbare böse Mutter, die ihre Verwundungen als Kraftquelle für ihre tyrannischen Übergriffe nutzt. Aber die Matriarchin steht hier nicht absolut im Mittelpunkt.

Merle Wasmuth gibt die älteste Tochter Barbara, die sich gerade von ihrem Mann Bill (Carlos Lobos) trennt und die pubertären Machtspiele ihrer Tochter Jean (Marlena Keil) bestehen muss. Nun soll sie auch noch Verantwortung für die Violet übernehmen. Babs ist ihrer Mutter am ähnlichsten, sie entwindet ihr die Pillendose und verkündet: „Jetzt habe ich das Sagen.“ Aber so leicht schlägt man eine Matriarchin dieses Formats nicht. Wasmuth zeigt viele Facetten ihrer Figur, von damenhafter Eleganz über backfischhafte Balztänze, wenn sie mit ihrer Schwester intime Geheimnisse austauscht, bis zur harten Eheschlacht mit dem Gatten, der sich mit Studentinnen vergnügt.

Bettina Lieder spielt die nächste Tochter Karen, die glaubt, gerade den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Der charmante Steve (Frank Genser) wird sich freilich schnell als Windhund entpuppen, der Bill locker aussticht. Und Julia Schubert spielt die graue Maus im Schwesterntrio, Ivy, die sich bislang um Violet kümmerte, aber nicht mehr will, weil sie ebenfalls Hoffnungen verwirklichen will. Sie liebt ihren Cousin Little Charlie (Peer Oscar Musinowski), den niemand ernst nimmt, weil ihn alle für schwachsinnig halten. Da sitzen die Schwestern zusammen auf einem Tisch und finden einen Moment lang zu Harmonie, sie kichern über den Versuch, das passende Wort für Mutters Vagina zu finden. Großartig auch Andreas Beck, der erst den verschlampten Säufer Beverly spielt, nach dessen Abtreten in die Rolle seines Schwagers Charlie Aiken, der versucht, all die Konflikte zu beschwichtigen.

In solchen Szenen arbeitet Hawemann durchaus das Sitcom-Hafte heraus, das Letts‘ Stück auch hat. Bei aller Lust an Situationskomik und pointierten Dialogen macht di Inszenierung es dem Publikum allerdings nicht immer leicht. Obwohl die Szenen dank kräftigem Drehbühneneinsatz schnell aufeinander folgen, dehnt sich der Abend auf fast vier Stunden. Es liegt auch an der atmosphärischen Musik von Alexander Dell Dafov, der nicht nur Gitarre, Akkordeon und weitere Instrumente bedient, sondern auch die Rolle der Johnna übernimmt und als stiller Zeuge die gegenseitigen Zerfleischungen beobachtet. Vieles spielt sich in der Tiefe der weitgehend offenen Bühne (Wolf Gutjahr) ab, und weil vor ein schmaler Steg zwischen Spielfläche und Publikum Distanz schafft, weil da noch eine Hecke aus Beerdigungsblumen errichtet wird, verlangt das Zusehen Konzentration. Einige Zuschauer brachten die nicht auf und gingen in der Pause. Dass der Abend nicht in Hollywood-Glätte daherkommt, sondern die Brüche in den Stimmungen, auch zwischen Komik und Tragik nicht mildert, spricht allerdings eher für ihn. Großer Premierenbeifall und vereinzelte Buhs für die Regie.

30.10., 11., 22.11., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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