Sascha Hawemann bringt Sasa Stinisics Roman „Herkunft“ auf die Bühne

Dreimal der Erzähler: Szene aus „Herkunft“ in Oberhausen mit Daniel Rothaug, Henry Morales und Ronja Oppelt. Foto: Kathrin Ribbe

Oberhausen – Wenn schon die Erinnerung trügerisch ist, wie trügerisch ist dann erst das Schreiben über Erinnerungen? Dieser Frage geht der Regisseur Sascha Hawemann am Theater Oberhausen nach. Sein Material ist namhaft: Das Theater bringt die Uraufführung der Bühnenfassung von „Herkunft“ des preisgekrönten Autors Sasa Stanisic.

Stanisic, geboren im ehemaligen Jugoslawien, schreibt über Identität und Wurzeln, persönlich und brandaktuell in einer diversen Gesellschaft. Hawemann hat den Text eingerichtet und Regie geführt.

„Herkunft“ ist ein zweieinhalbstündiger Theaterabend, damit deutlich länger als vieles, was sonst in diesen Coronazeiten geht. Man ist schon gar nicht mehr gewohnt, so eine quirlige, prallvolle Inszenierung zu sehen. Das achtköpfige Ensemble ist spürbar spielfreudig. Hawemann geht mit Abstandsregelungen und Hygieneauflagen geschickt und kreativ um. Wenn eine Plastiktüte zum Schutz über ein Mikro gehängt wird, dann steht das hier buchstäblich für Distanzierung. Als erzählt wird, wie Sasa als Teenager 1992 mit seiner Mutter aus seiner umkämpften Heimat flieht, erscheinen abgetrennte Kuben, wie unwohnliche Miniquartiere für unerwünschte Asylbewerber. Riesengroße Lettern stehen verteilt. Zusammengesetzt würden sie das Wort „Herkunft“ ergeben, aber sie bleiben durcheinandergewürfelt (Bühne: Wolf Gutjahr).

Sasa wird aufgeteilt auf drei Spieler (Henry Morales, Daniel Rothaug, Ronja Oppelt). Sie verdeutlichen, wie im Wortsinn vielfältig sich der junge Mann fühlt. Mehrsprachig, mit einer doppelt verfremdeten Heimat, die es so nicht mehr gibt, die jetzt ein anderes Land ist: Bosnien-Herzegowina. Sasa richtet sich in Deutschland ein, erarbeitet sich als Schriftsteller ein gutes Leben und hat dabei ein schlechtes Gewissen gegenüber der zurückgebliebenen Oma. Das wird gut deutlich.

Als Gegenpunkt fungiert die Oma Kristina Stanisic. Auch sie ist doppelt besetzt, einmal als junge, einmal als ältere Frau (Anna Polke, Lise Wolle). Sie ist der Fixstern in Sasas Erinnerungssuche, aber ein schwindender, denn die Oma verfällt, hat Demenz, stirbt 2018.

Oma Kristina bleibt während des Krieges in der Heimatstadt Visegrad am Fluss Drina. Sie erlebt die Gräuel der so genannten ethnischen Säuberungen gegen Muslime. Ihre Schwiegertochter, Sasas Mutter, ist Muslima, versteht sich aber als Kommunistin, hat studiert, Marx und Engels gelesen. Diese Details ergeben sich allmählich. Oma Kristina besucht die Ahnen auf dem Friedhof, kippt Schnaps, hat eine Affäre mit einem „knackigen“ Polizisten und nennt ihren Enkel liebevoll einen „Esel“. Wie ein Kaleidoskop setzt sich eine mögliche Geschichte zusammen. Sie ist ein Spiel mit Erinnerungsbestandteilen. Eine Autofiktion der erwachsenen Figur Sasa, der, schreibend in einer Sprache, die er sich als Teenager zu eigen machte, erkundet, wie er zusammengesetzt ist. In Oberhausen wird konsequent eng an Stanisics Text gearbeitet.

Schön, wie vieles spielerisch umgesetzt wird. Etwa wenn Opa Mohammed, der Vater der Mutter, von seiner Arbeit als Bremser auf der Eisenbahn erzählt, und wie er in Vorruhestand geschickt wird. Agnes Lampkin steht neben ihm und macht leise „Sch-sch“ – wie zur Beruhigung, oder wie um eine Lok nachzumachen. Dahinter rattert sachte die Drehbühne. Opa Mohammed wird später von seiner Tochter nach Deutschland geholt, in Sicherheit, aber er fasst nie Fuß. Die drei Sasas begleiten die Szenen mit einer Art Schreibmaschinenballett. Immer sitzen einer oder mehrere da und hacken hektisch mit den Händen in die Luft, wie über einer Tastatur. So wird Schreiben als obsessive Erinnerungsarbeit bebildert. Musikalisch werden die Szenen behutsam begleitet mit leisem Balkanpop, melancholischer Klarinette, sparsam eingesetztem Klavier oder Akkordeon (Martin Engelbach, XELL).

Leider ist sich Regisseur Hawemann letzten Endes doch nicht so sicher, wo er mit seinem Stoff hinwill. Er schwenkt vor allem in der letzten Stunde stark ins Biografische, erzählt nach und wird redundant. Dass die Oma dement wird, wissen wir längst, ihr Erinnerungsschwund und Sasas Erkundungsversuche gehen ja parallel. Das wird aber mehrfach erzählt, mit immer neuen Ansätzen, ohne dass dabei eine neue Erkenntnis herauskommt. Gerade ein Stück, das so bewusst mit dem Wissen arbeitet, dass alle Erinnerung Autofiktion, jedes Schreiben eine Selbst(er)findung ist, dürfte nicht so geradeaus in die Nacherzählungsfalle steuern.

Hawemann will immer noch einen Aspekt mehr reinpacken: die Lust der alten Frau, die keiner mehr befriedigt. Omas gelbe Zahnstümpfe. Kriegsschrecken. Alles für sich ergiebige Aspekte, aber sie reihen sich aneinander und sorgen für unnötige Längen. Hawemann hätte viel besser daran getan, das Stück zu straffen und sich auf das parallele Erinnerungsmotiv zu konzentrieren. Zumal er mit Anna Polke eine handfeste Oma Kristina hat, die mit ihrer Bodenständigkeit Sasas verbale Höhenflüge erdet.

Sehr witzig – aber eben von der Fülle biografischer Details erdrückt –- ist das Auftauchen von Ivo Andric, dem Doyen der jugoslawischen Literatur („Die Brücke über die Drina“), der sich ausgiebig selbst zitiert und dafür von einem der Sasas respektlos angefahren wird: „Ach Ivo, halt die Klappe!“. Er wickelt Sasa pompös in ein blaues Tuch ein. Es steht für die Drina, und für eine historische und literarische Tradition, in der sich der ehrgeizige Jungautor ebenfalls verortet.

17., 18., 28., 30.10., 4., 6., 7., 8., 20., 21., 22.11.

Tel. 0208/8578 184, www. theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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