Sarantos Zervoulakos inszeniert „Amphytrion“ in Oberhausen

+
Der Gott als böser Schatten: Szene aus „Amphitryon“ in Oberhausen mit Henry Meyer (Amphitryon, links) und Peter Waros (Merkur) ▪

Von Ralf Stiftel ▪ OBERHAUSEN–Die Schauspieler betreten die leere Bühne. Klaus Zwick spielt auf der Ukulele „Strangers In The Night“. Sie setzen sich um die Spielfläche und beginnen, Geräusche zu produzieren: Windsausen, Vogelrufe, ja, einen Kuckuck. Dann erhebt sich Zwick und schlüpft in die Rolle des Sosias, des etwas faulen, etwas feigen Dieners, der als Bote durch den nächtlichen Wald muss.

Der griechische Regisseur Sarantos Zervoulakos inszeniert Kleists Lustspiel „Amphitryon“ am Theater Oberhausen ohne großen Aufwand, als kollektive Erzählung seiner Darsteller. Wer gerade nicht spielt, trägt zum Hintergrund bei. Das konzentriert die Aufführung und führt zu schönen Effekten.

Die Götter treiben ja ein grausames Spiel mit den Sterblichen in dieser Komödie, die Kleist nach Molière schuf. Jupiter gönnt sich in der Gestalt des thebanischen Feldherrn Amphitryon eine Liebesnacht mit dessen Gattin Alkmene. Damit aber ist er nicht zufrieden: Er wetteifert mit dem ohnehin Betrogenen um die Gunst der Schönen. Sie soll ihn mehr lieben als das Original, so fordert er von ihr, ohne sich allerdings zu erkennen zu geben. Ein antiker Fall von Identitätsraub, gewürzt mit der Eitelkeit und der Liebessuche des ehebrecherischen Gottes: „Auch der Olymp ist öde ohne Liebe.“ Amphitryon und Sosias finden sich ent amphytrionisiert und entsosiatisiert, ihres Ichs beraubt durch Jupiter und Merkur, und zum Schaden haben sie auch noch den Spott. Nicht mal moralische Genugtuung gönnt Kleist ihnen.

Dieses unwürdige und grausame Spiel versteckt Zervoulakos nicht. So fallen Charis und Sosias auf Zuruf nieder, damit Amphitryon und Alkmene sie als Sitzmöbel nutzen können. Und doch gelingt dem Regisseur Poesie, indem er das Ensemble als Klangkörper nutzt. Eine Absperrung mit Band wird zur Haustür, und wenn Merkur sie öffnet, dann ertönt auf einmal Festlärm. Der epische Ansatz öffnet den famosen Schauspielern Gelegenheiten, ihre Kunst auszustellen.

Martin Hohner spielt den Jupiter als Popstar mit bloßem Oberkörper, ein gefallsüchtiger Kerl, von dem man sich schwer vorstellen kann, dass er dem Götterhimmel vorsteht. Der massive, mürrische Peter Waros als Merkur könnte sein Bodyguard sein. Er hat am Verwirrspiel weit weniger Spaß als der Chef. Wenn er den Sosias durchprügelt, klatscht er auf seinen eigenen Körper, und Zwick rüttelt und schüttelt die Wucht der Schläge durch. Peter Meyer sieht viel mehr nach Jupiter aus, gerade darum aber vermittelt sein Amphitryon die Entwurzelung so überzeugend, zum Beispiel, wenn er seine Frau verhört und alle Autorität an ihrer Überzeugung abgleitet, dass sie mit ihm auf dem Liebeslager ruhte. Elisabeth Kopp ist Alkmene ohne frivole Mehrdeutigkeit, hingabevolle treue Gattin, deren Sicherheit erst spät erschüttert wird bis zum vieldeutigen finalen „Ach“. Manja Kuhl ist eine emanzipierte Charis, die ihrem Sosias selbst dann noch zusetzt, wenn Merkur in ihm steckt. Und Zwick brilliert als Diener zum Beispiel, wenn er seinen Vortrag vor Alkmene übt und dabei die Rolle seiner Herrin mitübernimmt.

So übersetzt Zervoulakos Kleists Komik in die Gegenwart, ohne ihr die Widersetzlichkeit zu rauben.

1., 2., 6.6.,

Tel. 0208/ 85 78 184,

http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare