„Mirrors and Windows“ in Düsseldorf

Sammlung Philara fragt nach Frauen an der Kunstakademie

Das Gemälde von Rissa zählt zu den Bildern ihrer „Verletzungsserie“
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Das Gemälde von Rissa zählt zu den Bildern ihrer „Verletzungsserie“ (1967 bis 1969), zu sehen in Düsseldorf.

Seit 100 Jahren gibt es Studentinnen an der Kunstakademie Düsseldorf. Welche Hindernisse Professorinnen überwinden mussten, zeigt eine Ausstellung.

Düsseldorf – „Es gab die Frauen, nur sie sind nicht mehr sichtbar“, sagt Katharina Klang zum Thema Künstlerinnen in der Geschichte der bildenden Kunst. Die Leiterin der Privatsammlung Philara stellt in Düsseldorf-Flingern erfolgreiche Künstlerinnen aus. In der Präsentation „Mirrors and Windows“ sind 18 ehemalige und aktuelle Professorinnen der Kunstakademie Düsseldorf mit ihren Werken vertreten. Aber von der ersten Professorin der Kunstakademie war wenig bekannt. Sie heißt Catharina Treu und unterrichtete von 1776 bis 1786 in Düsseldorf. Kurfürst Carl Theodor und Lambert Krahe hatten 1773 die Akademie gegründet. Treu zählte zu einer Bamberger Malerfamilie und galt als Spezialistin für Stillleben mit Früchten. „Sie hat viel verkauft“, sagt Katharina Klang. Bei Carl Theodor fungierte Treu seit 1769 als Kabinettmalerin, war für Ausstattungsfragen zuständig und malte im Auftrag. Warum ist diese exponierte Person, die europäische Bekanntheit erlangte, kein Begriff mehr?

Die Kunsthistorikerin Gabriele M. Thölken belegte in ihrer Doktorarbeit „Catharina Treu. Die Hofmalerin des Kurfürsten Carl Theodor“, dass Treu im „Chur-Pfältzischen Hoff- und Staatscalender“ (1776–1788) als ordentliches Mitglied der Lehrenden geführt wurde. Das macht sie zur ersten Professorin der Kunstakademie Düsseldorf, schreibt Eduard Trier, ehemaliger Direktor der Akademie 1973. In der Schrift „Zweihundert Jahre Kunstakademie Düsseldorf“ ist die Quelle sogar abgebildet. Doch in der dazugehörigen Chronik zum Lehrpersonal wird Treu vergessen und weder der Malerei zugeordnet noch als Ehrenmitglied geführt. Wer fortan bei der Akademie nach einer Chronik der Lehrenden fragte, wurde mit der fehlerhaften Liste bedient – ohne Catharina Treu. „Sie war und blieb das einzige weibliche Mitglied dieser Institution bis ins 20. Jahrhundert“, schrieb Gabriele M. Thölken (Heidelberg, 2018). Selbst der Sterbeeintrag der Malerin verzeichnete den Titel Professorin.

Dass Catharina Treu (1743–1811) zeitweise vergessen oder nur als „Titular-Professorin“ bezeichnet wurde, liegt unter anderem an mangelhafter Archivarbeit. „Auch ein Archiv ist kuratiert“, sagt Katharina Klang. Für die Kunsthistorikerin, die seit 2016 die Sammlung Philara führt, ist das ein Politikum. Sie schlägt vor, Archive zu durchsuchen und zu „updaten“. Ihre Erkenntnis passt zu dem Sachverhalt, dass Kunsthistoriker nachweislich Künstlerinnen in Epochendarstellungen aussortiert haben. Aber es gab sie, wie derzeit die Kunsthalle Bielefeld belegt. Die Niederländerin Jacoba van Heemskerck (1876–1923) wird als frühe Moderne wieder entdeckt (bis 5. 9).

Zwei Bilder von Catharina Treu befinden sich in der Sammlung des Kunstpalasts Düsseldorf. Katharina Klang hat Generaldirektor Felix Krämer bereits angeschrieben. Die zwei Stillleben seien in einem schlechten Zustand und müssten restauriert werden, so Klang.

Die Kunstakademie Düsseldorf nahm 1921 erstmals offiziell Kunststudentinnen auf. Düsseldorf war ein Nachzügler in der deutschen Hochschullandschaft. Von 1927 bis 1933 unterrichtete dann die erste Professorin des 20. Jahrhunderts an der Kunstakademie: Anna Simons für Schriftkunst. Die Mönchengladbacherin musste nach Absagen an der Akademie und Kunstgewerbeschule in Düsseldorf nach London ausweichen. Sie studierte beim Schriftkünstler Edward Johnson und übernahm eine Vermittlerrolle zwischen England und Deutschland. Simons (1871–1951) unterrichtete dann 1905 an der Kunstgewerbeschule. Sie entwarf mit Direktor und Architekt Peter Behrens den Schriftzug „Dem Deutschen Volke“, der am Reichstag in Berlin angebracht wurde. In der Ausstellung „Mirrors and Windows“ sind Schriftentwürfe Simons ausgelegt. Sie arbeitete später für die Zeitschrift „Corona“ (1930 bis 1935), die es Schriftstellern und Dichtern erlaubte, zu veröffentlichen, obwohl sie bereits von den Nazis bedroht wurden. Die Publikation „Jahr IV, Heft 5“ liegt ebenfalls in der Vitrine.

Mehr zu sehen ist von der Künstlerin Rissa in der Sammlung Philara. Von der ersten Professorin für Malerei in Düsseldorf (1973–2003) sind drei Gemälde aus ihrer „Verletzungsserie“ (1967–69) ausgestellt. Im Stil der Pop-Art visualisierte sie Schmerzen. Die habe ihr die Gesellschaft zugefügt, so Rissas Statement. Sie nennt die Bilder „privater Symbolismus“. Rissa, die eigentlich Karin Götz heißt, war als Kunststudentin abgelehnt worden. Als sie auf den Fluren der Akademie protestiert, nahm Karl Otto Götz sie in seine Klasse auf. 1965 heirateten beide.

Zuvor lehrte noch Anna Klapheck (1899–1986) Kunsttheorie an der Akademie von 1952 bis 1964. Ihr Sohn ist der Maler und Grafiker Konrad Klapheck.

Erste Professorin für Bildhauerei in Düsseldorf war Beate Schiff ab 1972. Die Jüdin (1932–1997) hatte die NS-Verfolgung in einem Versteck in Berlin überlebt. Sie stellte nicht aus, mied die Öffentlichkeit und distanzierte sich vom Kunstbetrieb. In Düsseldorf ist ein Redeauszug zu lesen, in dem sie aus Sicht ihrer Studenten gewürdigt und gewertschätzt wird.

Mittlerweile sind 40 Prozent der Lehrenden in Düsseldorf Frauen. 62 Prozent der Studentenschaft sind Studentinnen. „Aber mit jeder Karrierestufe nimmt die Präsenz der Frauen ab“, sagt Katharina Klang. Durchschnittlich verdienen Professorinnen 30 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Dies belegen die Zahlen der Bundesagentur für Statik und der Künstlersozialkasse 2019. Fünfzehnmal war die Rektorenstelle der Akademie besetzt – zweimal von Frauen.

Die Ausstellung „Mirrors and Windows“ bietet Malerei, Videokunst, Performance, Skulptur und Installation. Neben Rosemarie Trockel, Katharina Grosse, Sabrina Fritsch, Rebecca Warren und vielen mehr sind Fotografien von Bernd und Hilla Becher („Fördertürme“) ausgestellt. Hilla Becher (1934–2015) richtete 1958 die erste Dunkelkammer der Akademie ein. Sie begründete mit ihrem Mann die Düsseldorfer Fotoschule und wurde 2010 Ehrenmitglied der Akademie. Die Bechers lehrten zusammen. Die Professur für Fotografie erhielt ihr Mann 1976. Angestellt bei der Düsseldorfer Kunstakademie war immer nur ihr Mann.

Bis 3.10.; do – so 14 – 18 Uhr, fr 14 – 20 Uhr;

Tel. 0211/24 86 27 21 www.philara.de

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