Salzmanns „Muttermale Fenster blau“ bei den Ruhrfestspielen

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Wer verführte wen? Szene aus „Muttermale Fenster Blau“ mit Lisa Schlegel und Ronald Funke ▪

Von Edda Breski ▪ RECKLINGHAUSEN–Der Skandal in dieser Geschichte geht so mühelos über die Bühne, dass er fast keiner mehr ist. Marianna Salzmann hat für die Ruhrfestspiele ein Inzestdrama geschrieben. Dafür hat die 27-Jährige den Kleist-Förderpreis (7500 Euro) erhalten, den das Festival und die Stadt Frankfurt an der Oder vergeben. Im Theaterzelt in Recklinghausen wurde „Muttermale Fenster Blau” in einer Inszenierung des Staatstheaters Karlsruhe gezeigt; dort wird das Stück ab Ende Mai gezeigt.

Ljöscha (Michel Brandt) sucht seinen Großvater Leo (Ronald Funke) auf. Der will ihn nicht sehen. Der Junge, der vaterlos aufwuchs, drängt sich in Leos Leben, wünscht sich ein Männeridyll mit Angeln, Sauna, Abhärtung. Leo wendet sich Ljöscha zu; parallel öffnet sich eine zweite Zeitebene, auf der Leo seine Liebe Lena (Lisa Schlegel) vor sich sieht. Allmählich wird klar: Lena war nicht nur Leos Partnerin und ist die Mutter seines Sohnes, sie ist auch Leos Tochter. Wer Opfer ist, wer wen verführte, warum Lena diese Beziehung so leidenschaftlich lebte wie Leo, das wird kaum angedeutet und nicht hinterfragt.

„Muttermale Fenster Blau” ist ein Stück, das in der Sphäre des Privaten bleibt. Die Liebesbeziehungen ihrer Figuren will Salzmann nicht bewerten, sie stellt Sehnsüchte und Verzweiflung gleichberechtigt nebeneinander. Jeder der drei kreist um sich. Stoßen Erwartungen aneinander, bleibt Schweigen. Für die Bühne ist der Text noch gestrafft worden. So sticht die Konfrontation der drei noch deutlicher ins Auge. Die junge Regisseurin Carina Riedl richtete das Stück für Recklinghausen ein. Sie trennt die Liebend-Sehnsüchtigen räumlich, lässt sie selten eine Ebene teilen. Lange bleiben sie durch Gazevorhänge voneinander getrennt (Bühne: Johanna Preissler).

Ronald Funkes Großvater schaut mit zusammengekniffenen Augen in die Welt: ein alter, immer noch selbstverliebter Mann, der vor dem, was er erlebt hat, in die Einsamkeit geflohen ist. Ein Raubein, der dem Überschwang des Jungen, gut getroffen von Michel Brandt, verbale und auch körperliche Schlagkraft entgegensetzt, der aber im Angesicht Lenas sehnsüchtig die Augen weitet. Lisa Schlegel gibt Lena von Beginn an Brüchigkeit mit – in der spröden Stimme und der bemüht kecken Haltung.

Salzmann versucht sich an einer Liebesethik. Am Ende steht nicht nur keine Antwort, es gibt auch kaum mehr eine Frage, die zu formulieren wäre. Natürlich muss man einen Stoff nicht zwingend aktualisieren, doch die radikale Reduktion auf private Gefühlstumulte ist zu wenig, trotz intensiver Darstellungen des Schauspieler-Trios.

heute, Tel. 02361/ 92 180, http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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