„Saga“: Die Kunsthalle Recklinghausen zeigt erzählerische Kunst aus Island

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Wie ein Geist vor der unberührten Vulkanlandschaft von Island: Cindy Shermans Fotoarbeit „Untitled #544“ (2010/2012) ist in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen.

Von Ralf Stiftel RECKLINGHAUSEN - So sieht man Cindy Sherman nicht oft: Unmaskiert, ungeschminkt breitet sie die Arme aus und tritt dem Betrachter lebensgroß aus einer monumentalen Tafel entgegen. Der zweite Blick entlarvt ihren Auftritt als Illusion. Die elegante Dame im Chanel-Kleid löst sich unter der Gürtellinie auf, wird geisterhaft durchscheinend. Das passt zum stürmischen Himmel über einer kargen Ebene. Die amerikanische Fotokünstlerin inszeniert sich als ein Mitglied des „huldufólk“, der isländischen Elfen und Trolle.

Das Bild „Untitled #544“ und eine weitere Arbeit sind von Sonntag an in Kunsthalle Recklinghausen zu sehen. Das Haus steuert die Ausstellung „Saga – wenn Bilder erzählen. Kunst aus Island“ zum Programm der Ruhrfestspiele bei. Und nicht nur Shermans Arbeiten zeigen dabei internationales Format. Die Kuratoren Norbert Weber und Halldór Björn Runólfsson zeigen bewusst nicht nur Werke isländischer Künstler, sondern schließen Kunst ein, die sich klar auf die Insel bezieht. Cindy Shermans Arbeiten entstanden 2010 bei einem Aufenthalt, den der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull erzwang, dessen Aschewolken den Flugverkehr über Europa lahmlegte.

Schon früher kamen Fremde auf die Insel, die frühesten der rund 80 Werke stammen vom deutschen Maler Johann Heinrich Hasselhorst, der 1862 das „Tal von Thingvalla“ schilderte. Daneben gibt es Skulpturen, Installationen, Videos und Digitales. Die Kooperation mit der isländischen Nationalgalerie, deren Leiter Runólfsson ist, wird 2015 in Reykjavík gezeigt.

Passend zu den theaterzentrierten Ruhrfestspielen konzentriert sich die Schau auf gegenständliche oder doch erzählerische Kunst, anknüpfend an die jahrhundertealte isländische Tradition der Sagas. Selbst die Landschaft Hasselhorsts erzählt – von den geologischen Verwerfungen der vulkanisch aktiven Insel. Jóhannes S. Kjarval (1885–1972) bezieht sich auf die Edda im Gemälde „Lokis Streit“ (1919/20). Dann rückt die Schau schnell näher an die Gegenwart mit den Bildern des Agitpop-Meisters Erró, der Elemente von Picasso über sozialistischen Realismus bis zu Comics zu seinen bunten und plakativen Kompositionen montiert. Die Fotoarbeiten, die Sigurdur Gudmundsson in den 1970er Jahren schuf, erinnern an Performances von Fluxuskünstlern und Performern wie Klaus Rinke. Da legt er sich auf einen Steinhaufen und belädt sich mit Schuhen, Broten und Büchern als „Mountain“ (1980/82). Oder er zeigt sich auf „Extension“ (1974) als lebende Buchstütze, die mit der Stirn einen Stapel Bände an die Wand presst.

Einige isländische Künstler betätigen sich auf verschiedenen Feldern. Die Sängerin und Schauspielerin Björk zum Beispiel zeigt die musikalisch-grafische Arbeit „Biophilia“, die man auf kleinen Bildschirmen sieht, die aber eigentlich eine Smartphone-App ist. Und Ragnar Kjartansson, Kopf der Rockband „Trabant“, ist im Retrolook als Sänger mit Gitarre im Video „Mercy“ zu erleben.

Hochexpressiv ist die durchbrochene Zeltkugel, die Gabríela Frídriksdóttir auf einen Haufen Sand in die zweite Etage stellt. Sie hat Flaschen und Vasen hineingestellt, zum Teil mit Wasser und Pflanzenteilen gefüllt. Nebenan läuft das Video „crepusculum“, eine düstere Fantasie über Leben, Sterben und Verwandlung in der Einöde.

Olafur Eliasson, der wohl bekannteste isländische Gegenwartskünstler, zeigt die Fotoserie „Cars in Rivers“ (2009), ein Arrangement aus 35 Fotos von einer in Island wohl nicht außergewöhnlichen Situation: Autos kentern beim Durchfahren eines Flusses. Da mühen sie sich nun, den Geländewagen wieder aufzurichten. Ein Fahrer steht wie ein Kapitän auf der Motorhaube des umfluteten Jeeps. Von einem Wagen sieht man nur noch zwei Reifen. Bilder des Scheiterns, wovon die Isländer nicht erst seit dem großen Bankencrash etwas verstehen.

Ganz ähnlich zeigt sich Hulda Hákon in Skulpturen und Bildern, die humorvoll Text und Bildlichkeit verbinden. Ein schiefer Turm ist gesäumt von einer Schriftzeile: „The Manager blamed the Architect blamed the Constructor blamed the...“, einer schiebt die Verantwortung auf den nächsten. Sie legt seltsame Fabelwesen auf den Boden und zeigt den Flug der Ideen („The Flight Of Ideas“, 2014) als dichten Schwarm von Rabenschädeln, die dem Betrachter aus einem Bild entgegenkommen.

Saga – wenn Bilder erzählen. Kunst aus Island in der Kunsthalle Recklinghausen. Eröffnung Sonntag, 11 Uhr, bis 6.7., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02361/ 50 19 35, www.kunst-re.de,

Katalog 20 Euro

Quelle: wa.de

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