Die Sängerin Youn Sun Nah im Konzerthaus

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Wenn sie singt, geht sie aus sich heraus: Youn Sun Nah im Konzerthaus Dortmund, im Hintergrund Drummer Dan Rieser.

DORTMUND - Artig und ein wenig verlegen wirkt Youn Sun Nah, als sie im Konzerthaus Dortmund auf Deutsch danke sagt und dass sie sich freut, hier zu sein. Welch ein Kontrast, wenn sie dann singt. Da wetteifert sie mit Gitarrist Tomek Miernowski um den schrillsten Ton. In „Momento Magico“ singt sie rasend schnelle Läufe synchron mit der Flamenco-Gitarre. Und in Tom Waits‘ Song „Jockey Full of Bourbon“, einem machtvollen Rocksong, näselt sie frech, sie legt ein Opernvibrato auf, sie grölt dumpf in einer Stimmimitation des US-Sängers, dass das Publikum seinen Ohren nicht mehr traut.

Youn Sun Nah, geboren 1969 in Korea, war nicht zum ersten Mal im Konzerthaus. Vor neun Jahren sang sie dort schon einmal, als Gast des schwedischen Gitarristen Ulf Wakenius. Vielleicht war deshalb das Haus fast ausverkauft. Sie ist ja inzwischen auch berühmt, hat den Echo-Jazz gewonnen, trat 2010 beim G-20-Gipfel in Seoul vor US-Präsident Obama und Bundeskanzlerin Merkel auf. All das merkt man dem aktuellen Auftritt nicht an, da reagiert sie bei den Ansagen schüchtern wie eine Debütantin.

In Dortmund präsentiert sie überwiegend Material aus ihrem aktuellen Album „She Moves On“, in dem sie ungewöhnliche Interpretationen von Folk und Rock aus den USA vorlegt. Der Titelsong ist zum Beispiel ein eher unbekannter Titel von Paul Simon, den sie über einem treibenden Hustle-Groove zu einem unwiderstehlichen Rhythmus-Erlebnis gestaltet. In Dortmund bringt zur Einleitung Schlagzeuger Dan Rieser in einem langen Solo das Publikum auf Betriebstemperatur.

Die Rhythmusgruppe aus Rieser und Bassist Brad Christopher Jones ist die des Albums. Die Keyboards bedient souverän Frank Woeste. Leider ist der Abmischung nicht ganz so gut wie sonst im Konzerthaus, das Orgelsolo bei Lou Reeds Song „Teach The Gifted Children“ zum Beispiel geht im Rumpeln fast unter.

Der Stimmung tut das keinen Abbruch. Und Youn Sun Nah hat immer wieder leise Songs mit kleinerer Besetzung, in denen ihre enormen Qualitäten bestens zur Geltung kommen. Den Folksong „Black is the Color of my True Love‘s Hair“ intoniert sie nur zu Bass und Schlagzeug, während sie selbst Akkorde auf der Kalimba anschlägt, und da hört man genau, wie sie die Stimme bis zum Flüstern zurücknimmt, um sie dann wieder zu strahlender Stärke schwellen zu lassen. Und „A Sailor‘s Life“ macht sie zum Klanggemälde. Erst spielt Woeste ein Pianosolo, in dem die Kammermusik der Romantik anklingt. Dann setzt sie ein, atmet den Wind ins Mikro, sie krächzt und heult Möwenschreie und andere Meeresgeräusche, und die Band wiederum bringt einen Trance-Groove wie zu Zeiten des Psychedelic Rock.

Gerade die intimen, leisen Momente des Konzerts entfalten einen berückenden Zauber. Sie kündigt eine Komposition des Gitarristen an, der mit allerlei Echo- und Schwell-Effekten eine körperlose, schwebende Klangwelt beschwört, und nach mehreren Minuten schlägt sie darüber mit Leonard Cohens „Hallelujah“ das Publikum in den Bann. Wenn sie in der hypnotischen Hymne eine Atempause einlegt, könnte man eine Stecknadel fallen hören.

Dann kündigt sie den letzten Song an und flüstert rasch ein „Maybe not“. Natürlich fordert das Publikum Zugaben und wird von Youn Sun Nah nicht enttäuscht.

Quelle: wa.de

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