Auf Glas tanzen: Die Performance-Installation „Broken Lights“ bei der Ruhrtriennale in Duisburg

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Tanz auf Scherben: Rihoko Sato (vorne) und Saburo Teshigawara in „Broken Lights“ in Duisburg.

Von Edda Breski DUISBURG - Dichter haben schon lange, bevor Dystopien Mode wurden, gewusst, dass das schlimmste Gefängnis durchsichtig ist. Keine Gefangenschaft ist grausamer als die hinter Kristall oder Glas, durch das der Mensch nicht gehen, aber hinaussehen kann auf das Unberührbare. So märchenhaft die Kulisse der Tanz-Installation „Broken Lights“ in der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg glänzt: Sie bildet ein Gefängnis aus Splittern und Licht. Der japanische Choreograf Saburo Teshigawara stellt sich und seine Partnerin Rihoko Sato in diese Szenerie, um eine moderne Dystopie zu illustrieren.

Glasscheiben trennen das Rechteck ab, in dem sich die beiden bewegen, und auf Glas tanzen sie, zerbrechen es mit jedem Schritt. Oder vielmehr: Sie zucken und schieben sich vorwärts. Lichtschranken teilen den Raum in gleichmäßigem Wechsel. Die Splitter bersten und klingen, manchmal hört man nichts anderes. Langgezogene, dröhnende Töne sprechen plakativ von Angst. Streicher und Flöten verkünden trügerische Auswege. Die Scherben glänzen wie Katzengold. Beim Hingucken fürchtet man ständig, einer der Tänzer könnte hinfallen und sich bis aufs Blut schneiden. Man hofft ernsthaft, die Tanzschuhe mögen halten.

„Broken Lights“ folgt einer simplen binären Logik: 0 – 1, er – sie, finster – hell. Oder romantischer: stumme Wut bei ihm, sehnsuchtsvolles Raunen von ihr. Die ausgebildete Kunstturnerin Sato, in purem Beige mehr Skulptur als Mensch, streckt sich, ihre Arme fließen ins Leere. Er, geknebelt und gekrümmt, als leide er unter Spasmen, rutscht auf Knien über Scherben, versucht ein Scheibenhaus zu bauen und wirft Glasplatten nach ihr. Zerstörung als letztes Kommunikationsmittel. Der Tanz ist an sein Ende gekommen.

Lange sieht man außer Zucken und Winden nichts. 35 Minuten vergehen, bis er nach vorne gelangt ist und sich vor ihr postiert, 50 Minuten bis zu einer Berührung, die nicht lange dauert. Es gibt nicht einmal die Aussicht auf ein Wir, nur den Wunsch; der schmerzt am ganzen Körper.

Problematisch an diesem Konzept, dieser Art von performativen Installation, ist, dass eigentlich nichts geschieht, das man nicht vorher wissen kann. Also gibt es keine Überraschung, kein Erschrecken, kein Befremden und letztlich keine Erkenntnis. Damit bleibt Teshigawara hinter dem zurück, was der bildende Künstler Tino Sehgal mit seiner Performance „Ohne Titel“ erreichte, die an diesem Wochenende noch einmal bei der Triennale zu sehen war. Auch Sehgal schickte Tänzer in eine Installation, in der allerdings das Publikum Teil der Performance war. Bei „Broken Lights“ sitzt es in Erwartungspose auf seiner Tribüne, und die etwa 65 Minuten Aufführungszeit werden zur Konzentrationsübung.

Wie bei einigen anderen der Installations-Aufführungs-Hybride, die bei der Ruhrtriennale zu sehen sind, ist auch bei „Broken Lights“ das Konzept ausgeklügelt, die Optik umwerfend, fast filmisch (die Ästhetik erinnert an einige Szenen in der virtuellen Realität der „Matrix“-Trilogie, und Teshigawara sieht in ein paar Posen aus wie eine Martial-Arts-Aufstellpuppe). Aber man kommt nicht umhin, sich mehr zu wünschen: Man kann auch das Nichts mit Lust umtanzen.

19.-21.9., Tel. 02 21/28 02 10,

www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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