Sabine Postel ermittelt in ihrem 30. Bremen-„Tatort“ gegen „Alle meine Jungs“

+
Wer war’s? Die Kommissare Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen, links) fragen im ARD-„Tatort“ Sascha (Jacob Matschenz, Mitte), Pawel (Hendrik Arnst, rechts) und Tarek (Patrick Abozen, zweiter von links oben ).

Von Achim Lettmann „Ich habe Mike Decker umgebracht“, sagt Pawel und schaut mit seinen runden dunklen Augen wie eine Seehund, der sich von der Sandbank verabschiedet. Nein, dieses Geständnis hält keine Sekunde im „Tatort“ aus Bremen. Jeder Zuschauer weiß, dass so früh im ARD-Erfolgsformat kein Mord geklärt sein kann. Pawel will jemanden decken.

„Alle meine Jungs“ ist der Titel von Inga Lürsens 30. Fall. Sabine Postel zählt zu den dienstältesten Kommissaren. Sie darf im neuen Fall zeigen, was ihre Figur so beliebt gemacht hat: Sie ist kühl, beharrlich und risikofreudig. Und wehe, wer sich mit ihr anlegt. Aber einen Fehler macht sie.

Der Müllfahrer Decker ist an Stichverletzungen gestorben. Auf dem Hof des Entsorgers treffen Lürsen und Stedefreund (Oliver Mommsen) auf die Angestellten in orangefarbener Kluft. Dass in dem Betrieb ein Korpsgeist herrscht, wird schnell deutlich. Das Gros der Müllmänner besteht aus Knackis, die von einem Bewährungshelfer ins Müllgeschäft vermittelt wurden. Lürsen trifft den „Papa“ nicht im Amt sondern in einem düsteren Kneipenrestaurant. Hier setzt der Film von Erol Yesilkaya, Boris Dennulat und Matthias Tuchmann (Drehbuch) die Schlaglichter des organisierten Verbrechens. Roeland Wiesnekker spielt den Paten-„Papa“ bei Bier und Chop Suey. Ein Sozialarbeiter, dem die Peilung fehlt, der seine Männer im Griff hat und nach Pawels „Geständnis“ auf Sascha aufpassen muss. Der Junge kennt die wahren Zusammenhänge. Jacob Matschenz spielt den Querulanten im Müllgeschäft. Er hat an Mike Decker gehangen und will die Knacki-Bande hoch nehmen. Aber wie bei allen Figuren im Krimi „Alle meine Jungs“ stehen die sozialen Bindungen und verwandschaftlichen Gefühle im Weg. Saschas Schwester Yvonne (Genija Rykova) hat ein Baby und will in Bremen bleiben. Trude, Pawels Partnerin, hält an dem Solidarpakt fest, kleine Häuser in ihrer Straße zu kaufen, um Sicherheit in der Gemeinschaft zu haben. Eine Heimstätte für ehemalige Gefängnisinsassen. Woher allerdings der Reststoffverwehrter Abels und „Papa“ ihr soziales Gewissen haben, für die Arbeiter im Müllgeschäft mehr Geld zu ergaunern, versickert in der Sozialromanze, die eben nicht über Gesellschaftsgrenzen hinweg neue Bündnisse schmieden will.

Ohnehin scheint die schwammige Motivlage im Bremen-„Tatort“ ein Stilelement zu sein. So richtig klare Kante gibt die Story nicht her. Glück für Sascha, der einem Mordkommando entkommen kann, weil „Papa“ einlenkt und die Müllpresse gestoppt wird. Jacob Matschenz sorgt für Spannung, wenn er beißt, schlägt, kratzt und kämpft. Denn seine Schwester ist vergewaltigt worden, womit die hehre Straßengemeinschaft vollends ins Zwielicht gerät. Dass mit dieser „Lektion“ auch Kommissarin Lürsen gemeint ist, führt zum Showdown, der selbst eingefleischte „Tatort“-Kenner irritieren wird. Mystery?

Regisseur Florian Baxmeyer, der bereits acht Bremen- „Tatorte“ gedreht hat, nutzt die dunkle Seite des Sozialkolorit. Bahnhofsnähe, Häuser wie Kajüten so klein, Grillzwang in der Nachbarschaft... hier wacht jeder über jeden. Baxmeyer verdichtet die Handlung, setzt auf schnelle Parallelmontagen und hat wieder Zeit für Lürsen und Stedefreund. Beim letzten „Tatort“ aus Bremen waren die Ermittler nur Randfiguren im harten Gangster-Drama „Brüder“ (Beste Quote: 10,18 Millionen Zuschauer).

Nun herrscht mehr Alltag im Kommissariat. Lürsens Tochter muss eine Trennung verarbeiten, ihr Geburtstag steht an. Der Fall wird geklärt, Sascha ist wieder Müllmann, „Papa“ im Knast, Pawel zurück in der Straße, Yvonne traumatisiert. Das Leben geht weiter, heißt das und wird wie eine Moritat in Filmbildern banalisiert. Das entspannt merkwürdig. Aber wer war noch der Täter?

Sonntag, ARD, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare