Sabine Kray erzählt im Roman „Diamanten Eddie“ die Geschichte ihres Großvaters

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Macht Familiengeschichte produktiv: Autorin Sabine Kray.

Von Ralf Stiftel Gleich bei der ersten Begegnung lernen wir „Diamanten Eddie“ so richtig kennen. Da hat ihn in der Mönchengladbacher Disko „Lover’s Lane“ (die Fußballstar Günter Netzer betrieb) jemand angerempelt, so dass er seine Brillanten fallen ließ. Und er ruft durch die ganze Kneipe nach einem Staubsauger. Er gibt Hundertmarkscheine als Trinkgeld. Er sieht gut aus, hat Charme und Lässigkeit. Am 3. Mai 1971 ist das passiert, so notiert es Sabine Kray vor jedem Kapitel.

Wenn eine Autorin das Leben ihres Großvaters zu einem Roman verarbeitet, kann das furchtbar peinlich werden. Zumal, wenn es so ein Leben ist wie das von Edward Kraj, geboren in Zamosc am 3.5.1924. Als 15-Jähriger verliert er seine Familie bei einer Bombardierung durch die Deutschen – der Vater erleidet angesichts der Familientragödie einen Schlaganfall. Der Junge wird von den Deutschen in Zwangsarbeit verschleppt, in mehreren Lagern ausgebeutet und misshandelt, und landet am Ende in Deutschland. Nach 1945 wird er zum Hehler und Safeknacker. Bis ihn ausgerechnet in einem Prozess die Erinnerungen einholen und er den Kontakt zur Realität verliert.

Schon der Stoff rechtfertigt natürlich einen Roman. Aber er birgt auch Gefahren. Sabine Kray, geboren 1984, gelingt es, sie zu vermeiden. Sie findet die richtige Balance zwischen Einfühlung und Distanz. Sie glorifiziert den Mann nicht, bleibt aber ganz bei ihm, so dass der Leser das Unrecht, das ihm widerfährt, nachfühlen kann. Selbst in dramatischen Lagerszenen, wenn Edward zum Beispiel einen väterlichen Freund verliert, wird das nicht sentimental, aber auch nicht kalt.

Geschickt montiert die Autorin von Kapitel zu Kapitel Jugend und Gaunerkarriere des Helden ineinander. Gerade noch bricht er bei einem Düsseldorfer Juwelier ein, ein minutengenau geplanter Coup. Und gerade als die Wachleute von ihrem Routinegang abweichen, blendet sie um ins polnische Sammellager für Zwangsarbeiter. Sabine Kray findet für beide den richtigen Tonfall, für den Jugendlichen, der aus seiner familiären Geborgenheit gerissen wird, ebenso wie für den routinierten Kriminellen, der kühl plant und souverän mit Dietrichen und Schneidbrenner hantiert. Und das Buch ist minutiös recherchiert, was zum Beispiel Schilderungen vom Lageralltag so beklemmend macht. Die knappen Rationen: „200 Gramm Brot und einen halben Liter Kaffee“. Der Zynismus, mit dem Rechtmäßigkeit behauptet wird: „Jedem Arbeiter polnischen Volkstums gibt das Großdeutsche Reich Arbeit, Brot und Lohn...“ Wenn allerdings einer dieser angeblich freiwilligen Arbeiter erkrankt, heißt es: „Medikamente gibt es nicht!“ Und je weiter der Krieg fortschreitet, desto brutaler offenbart sich der großdeutsche Sadismus der Wärter, die ihre Opfer zwingen, aufzusagen: „Ich bin ein arbeitsscheues Insekt“. Selbst nach dem Zusammenbruch des NS-Reiches ändert sich wenig: Deutsche Schutzpolizisten greifen den „Polacken“ mit seiner Freundin auf und wollen schon ihre Frustration am „deutschen Mädel“ abarbeiten, das sich „derart herschenkt“. Aber diesmal sind englische Soldaten zur Stelle.

Eddie, der Überlebenskünstler, der Gentlemangangster, der das Geld so schnell verschwendet, wie er es erbeutet – er wird verständlich aus seinem Leben. Der Entwurzelung. Der erlittenen Gewalt. Den Schocks. Da fährt man mal eben so mit dem Auto nach Griechenland und lebt. Dass unter diesen Umständen Beziehungen nicht funktionieren, wundert kaum. Kray schildert die Beschädigungen von Diamanten Eddie vielleicht am dichtesten in den Begegnungen mit seinem Sohn, der mit dem Zug aus Bockum-Hövel zum so fremden Vater fährt. Der staunt, wenn er zum Endspiel von Borussia Mönchengladbach mitdarf, ins Frankfurter Stadion, wo die Fohlen-Elf mit einem 4:1-Sieg Deutscher Meister wird (der Spielbericht entfaltet die Detailliebe der Autorin aufs Schönste). Und doch fällt Achim auf, dass sein Vater nicht arbeitet. Nein, verklärt wird der Titelheld bestimmt nicht.

Am Ende gelingt Sabine Kray, die Geschichte ihres Großvaters in ihrer Besonderheit zu erzählen, irgendwie ein Abenteuer. Zugleich zeichnet sie die grausamen und absurden Windungen der Zeitgeschichte nach. Sie bringt sogar sich selbst in den Roman. Einmal fragt Achim seinen Vater: „Möchtest du Fotos von Sabine sehen?“ Da weiß Diamanten Eddie zunächst nicht, wer das ist.

Sabine Kray: Diamanten Eddie. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt. 699 S., 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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