Russische Avantgarde im Kunstmuseum Bochum

+
In Untersicht und extrem nah: Alexander Rodtschenko fotografierte 1930 den „Pionier“ – zu sehen ist das Bild im Kunstmuseum Bochum

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Es ging um den neuen Menschen. Alexander Rodtschenko fotografierte den „Pionier“ 1930 in Untersicht, aus extremer Nähe und im Anschnitt. Der Kopf wurde zur geometrischen Form, zur Kugel. Eine Stilisierung, zugleich ein ungewohnter, frischer Blick auf das Porträt.

Das Bild ist von Sonntag an im Kunstmuseum Bochum zu sehen. Die Ausstellung „Wir müssen den Schleier von unseren Augen reißen“ bietet einen Querschnitt durch die Avantgardekunst der frühen Sowjetunion. Rund 100 Werke vermitteln einen guten Einblick in eine kurze Phase der Utopie. Künstler verstanden sich im revolutionären Russland als Ingenieure der Seele. Sie entwickelten Motive der westlichen Avantgarde wie Kubismus und Futurismus weiter. Sie arbeiteten an einer Umgestaltung des Alltags, entdeckten neue Medien und widmeten sich Themen wie dem Design, der Gestaltung von Gebrauchsobjekten.

Diesen Wandel dokumentiert die Schau, die Beate Kemfert für die Opelvillen Rüsselsheim kuratierte. Die Exponate stammen von der Sepherot Foundation in Liechtenstein, und sie warten mit Arbeiten der wichtigsten Vertreter der russischen Avantgarde auf, von Kasimir Malewitsch über Rodtschenko, Wladimir Tatlin, El Lissitzky bis zu Ljubow Popowa.

Die Schau argumentiert vor allem visuell, will zeigen, wie die Künstler zwischen 1915 bis in die 1930er Jahre eine neue Bildsprache entwickelten. An die Stelle der bürgerlichen, erzählerischen Kunst trat die strenge Gestaltung nach graphischen Prinzipien wie Reduktion, Geometrie, Rhythmisierung. Die Künstler erschlossen sich neue Medien wie Fotografie und Collage. Durch den technischen Fortschritt konnten sie bis dahin Ungezeigtes sichtbar machen. Die leichte Rollfilmkamera mit ihren kurzen Belichtungszeiten ermöglichte ein Bild wie Georgi Selmas Foto „Im Fluge“ (1933), die Aufnahme eines Skispringers in der Luft.

Aber die Künstler erschlossen sich auch neue Themen, wandten sich der Arbeitswelt zu, dem Alltag, dem Sport. Wie eng verzahnt Theorie und Praxis waren, sieht man in feinen Bild-Nachbarschaften. Ilja Tschaschnik malte die „Suprematistische Komposition“ (1921/22), eine feine horizontale Linie, die sich mit zwei vertikalen Balken kreuzt. Alexander Rodtschenko fotografierte 1937 einen Stabhochspringer, und sein Bild konkretisiert Tschaschniks Idee: Die Latte als Horizontale, gekreuzt von Stab und Athlet. Solche Korrespondenzen tauchen mehrfach auf, zum Beispiel scheint Ljubow Popowa in ihrer „Konstruktion“ (1920) das Foto Rodtschenkos von einem Stromleitungsmast (1926) vorwegzunehmen: Die dynamische Diagonalbewegung, aufgeteilt in Kreis- und Dreieckssegmente, findet ihr Echo in Isolatoren und Stahlstreben.

Die Ausstellung dokumentiert eine aufregende Aufbruchszeit. Die Künstler fanden für ihre Agitationsbilder Lösungen, die noch immer frisch wirken, unmittelbar ansprechen. Ein Foto aus der produktion wie Boris Ignatowitschs „Reparaturarbeiten“ (1929) rückt ein großes Rad in den Vordergrund, ein Kreis, der den Blick zentriert, zugleich ist der Fotograf ganz dicht am Motiv. Rodtschenko zeigt den Arbeiter, der Holzbretter stapelt (1930), als eine Komposition von vertikalen Linien. Seine „Treppe“ (1929) mit der aufsteigenden Mutter mit dem Kind auf dem Arm und dem langen Schatten überwältigt durch Reduktion und die Dynamik (die Treppe steht schräg) den Blick. Die Avantgarde sollte in jeden Haushalt einziehen: Ljubow Popowa collagierte einen Entwurf für eine Stickerei (1917).

Die Utopie endete mit der stalinistischen Politik der 1930er Jahre. In der Kunst wurde der sozialistische Realismus propagiert, die Avantgarde wurde als formalistisch geschmäht. Künstler, die sich nicht anpassten oder Nischen fanden, wurden verfolgt.

Die Bochumer Schau bietet den visuellen Utopien noch einmal Raum. Wie zukunftsweisend die Künstler arbeiteten, zeigt eine Komposition von Wassili Jermilow, der Alltagsobjekte wie Teller, Messer, Brot in ein Bild montiert. Das wirkt wie eine Vorwegnahme der Nouveaus réalistes der Nachkriegszeit. Die eine Avantgarde grüßt die folgende.

Eröffnung Sonntag, 11 Uhr, bis 31.5., di – so 10 – 17, mi bis 20 Uhr, Tel. 0234 / 910 42 30, www.kunstmuseum-bochum.de, Katalog, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 20 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare