„Ruß“ von Bridget Breiners am Musiktheater im Revier. Eine Geschichte von Aschenputtel

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Ironische Eleganz: Szene aus der Choreografie „Ruß“ in Gelsenkirchen mit Min-Hung Hsieh und Alina Köppen ▪

Von Edda Breski ▪ GELSENKIRCHEN–Das Märchen vom Aschenputtel ist die Geschichte einer verkannten Tochter. Aber welcher? Mit Rollenverkehrungen arbeitet die Gelsenkirchener Ballettchefin Bridget Breiner: Am Musiktheater im Revier erzählt sie in ihrer sehenswerten Neukreation „Ruß – Eine Geschichte von Aschenputtel“ die Geschichte der ersten Stiefschwester.

Eine Mutter (Bojana Nenadovic) bringt ihre Töchter Livia und Sophia allein durch. Breiner zeigt das mit einer simplen, äußerst effektiven Sequenz, in der die Mutter die Beiden hinter sich herzieht wie einen Lastkarren. In einem Arbeiterort – Arbeitskleidung hängt von einem Gerüst wie in einer Waschkaue – bezirzt die Mutter mit scheinbarer Unterwürfigkeit einen Mann (Min-Hung Hsieh). Es folgt ein herrlich ironisierter Walzer (aus Johann Strauß‘ unvollendetem Ballett „Aschenbrödel“), in dem sie ihn in Pose stellt in einer Brechung klassischer Ballett-Rollen.

Der Mann hat eine Tochter, Clara (Alina Köppen), ein lebensfrohes Arbeiterkind mit rußbeschmutzten Wangen. Zwischen ihr und den beiden Schwestern entwickeln sich komplizierte Bindungen, aufgeladen mit Wut und Neid. Kusha Alexi und Maiko Arai als Livia und ihre puppenhafte kleine Schwester Sophia tasten sich an Alina Köppens freie Bewegungen heran. Mutter und Töchter tragen Spitzenschuhe, Clara tanzt barfuß.

„Ruß“ ist weniger eine psychologische Deutung denn eine Märchen-Neuschöpfung. Breiner mischt Ballett und Tanztheater. Bühnenelemente enthüllen Tableaus, die an nostalgische Puppenstuben erinnern: Die Mutter drückt ihren neuen Mann an sich, Clara bekommt einen Besen. Breiner hilft sich damit über längere Strecken; das hat den Vorteil, dass sie sich tänzerisch auf Schlüsselszenen konzentrieren kann. Die Bildfolge wirkt allerdings bald monoton.

Breiners Arbeit ist geprägt von versteckter Ironie. Auf ihre Ballettwitze sollte man gut achten. Clara heißt nicht zufällig so wie die Heldin im Ballettklassiker „Der Nussknacker“. Der Ball, eine Szene in Dunkelblau und Schwarz ist eine ironische Verbeugung vor dem rüschigen Stil, wie er alljährlich im Fernsehen bei den Balletteinlagen während des Neujahrskonzertes aus Wien zu bewundern ist. Die Musikauswahl frappiert: Strauß-Walzer, amerikanische Arbeiterlieder aus den 1930er Jahren und melancholische Akkordeonstücke (live gespielt von Marko Kassl). Der Prinz (Junior Demitre) ist hier der Sohn eines Industriebarons, ein Schnösel (als er auftaucht, ähnelt er verdächtig Karl-Theodor zu Guttenberg). In Claras Armen werden seine Bewegungen weich, sie erdet ihn. Breiner hat den beiden eine Bodenchoreografie gemacht und hebt sie musikalisch hervor mit einer Klavierfassung der Verführungsarie aus Saint-Saëns Oper „Samson und Dalila“.

Clara bekommt den „Prinzen“ und einen märchenhaften Abgang, Livia bekommt von der Mutter ein Messer. Sie soll sich den Fuß verstümmeln, damit sie in Claras Schuh passt. Doch Livia wirft das Messer fort und macht endlich ihre ersten eigenen Schritte. Sie ist frei – und allein. Die große, androgyne Kusha Alexi kann unterdrückte Sehnsüchte in einer zaghaften Drehung, in eckiger Schulter- und Armhaltung zeigen. Nur im Duett mit einem Arbeiter (Joseph Bunn) fließen ihre Bewegungen.

Der Ballett

Der Märchenstoff wird aktualisiert und ins Bergarbeitermilieu versetzt: Bridget Breiners Choreografie Ruß am Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen. 26., 31.1., 1.,8., 16., 24.2., 1., 3.3.;

Tel. 0209/40 97 200; www. musiktheater-im-revier.de

Quelle: wa.de

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