Ruhrtriennale zeigt „Diamante“ von Mariano Pensotti

Blick ins Bühnenhaus mit Übertitel: Mike hat mit seiner Bar Probleme. Nur eine Miliz, die die Werksiedlung schützen will, verkehrt hier noch. Szene aus der Produktion „Diamante – Die Geschichte einer free private city“ in Duisburg.

DUISBURG Peters Vater war ein Streikführer. Der Sohn dagegen spielt Playstation und hockt in einem gediegenen Wohnzimmer. Als Matthias zu Besuch kommt, muss sich Peter entscheiden, ob er das Bestechungsgeld annimmt und für die Neustrukturierungen bei Goodwind eintritt. Es wird weniger Arbeitsplätze geben. Was tun? Den Mächtigen folgen und finanziell profitieren oder zur Linken Arbeiterpartei gehen und bei der Gouverneurswahl kandidieren? Peter versteckt die Drogen seines Sohnes im Haus.

Solche Eckpunkte bieten Stoff für ein klassisch modernes Theaterstück. In „Diamante – Die Geschichte einer free private city“ sind sie aber nur ein kleiner Teil dieser epischen Produktion auf der Ruhrtriennale (5:45 Stunden, zwei Pausen).

In der Kraftzentrale des Landschaftspark Duisburg-Nord treten 26 Figuren auf, denen Mariano Pensotti differenzierte Lebensläufe verpasst hat. Der argentinische Autor und Theaterregisseur geht eher wie ein Soziologe vor. Zwar wird jeder von der Familie beeinflusst und hat eigene Ziele. Aber neu ist, dass Pensotti untersucht, wie sehr symbiotische Wohn- und Arbeitswelten die Biografien beeinflussen. Diamante ist eine Werksiedlung, die der multinationale Energie-Konzern Goodwind einst in den Dschungel Argentiniens gebaut hat. Und errichten nicht Google und Facebook heute neue Wohlfühloasen für allzeit verfügbare Mitarbeiter? Zum 100. Geburtstag von Diamante stehen die früheren Ideale infrage. Goodwind-Gründer Erich Hügel ließ jeden Mitarbeiter ein Instrument lernen. Er setzte darauf, dass die Musik leistungssteigernd wirkte. Der Kapitalismus ist der eigentliche Lenker in „Diamante“. Und die Globalisierung geht mit neuen Profitmechanismen über Firmenpatriarchen längst hinweg. In der dritten Welt gibt es heutzutage ganze „Ausbeutungsstädte“ – Menschen sind eingepfercht und arbeiten unter Zwang.

In Duisburg wird Irma als Gouverneurskandidatin aufgebaut, die Goodwind und den Etablierten helfen soll. Sie kommt „von außen“ und wird für den Wahlkampf präpariert: Mit einer blonden Perücke und einer indigenen Bluse wird sie der Wählererwartung angepasst. Regisseur Pensotti gönnt sich diese Ironie. Ihr Mann probt mit Kindern für das Diamante-Fest. Der Ex-Theaterregisseur träumt davon, wieder künstlerisch zu arbeiten. Justine kommt herein und will bei der Band „Kohle“ mitmachen, weil sie Guido gut findet. Die Jugendlichen wollen abhauen, um der Tristesse der Siedlung zu entkommen. Es sind solche Absichten, die das Leben wiedererkennbar machen.

In der Kraftzentrale schaut man ihnen durch eine Glasscheibe zu. Sie bewegen sich in Spielhäusern, die „Vater und Tochter“ zeigen, „Brüder“, „Neuer Boss“ und die „Rechtsanwälte“, die überfallen wurden und deren Haus verwüstet ist. Seitdem steigt die Angst in Diamante. Wer kommt als Täter in Betracht? Es soll kombiniert werden wie im Krimi, dem beliebtesten Unterhaltungsgenre hierzulande.

Die Zuschauer bewegen sich zwischen elf Spielorten und lernen die Charaktere kennen, wie in einer breit angelegten Drama-Serie. So brutal wie bei „House of Cards“ oder „Game of Thrones“ wird es aber nicht. Als die maskierte Miliz an den Spielstätten entlang läuft, um sich in Mikes Bar zu treffen, ist die Kraft des Illusionstheaters spürbar, die in der Produktion „Diamante“ hinter einer erzählerischen Analyse zurücksteht. Über den Schaufenstern werden Texte eingeblendet. Rolf, der Security-Mann, der Schauspieler werden will, schiebt irgendwie Frust. „Wir Hunde haben nur unsere Ketten zu verlieren“ oder „Romantische Lieder berauschen das Volk – Despacito“. Das sind keine neuen Erkenntnisse. Aber sie stimmen eine unaufhörliche Bedrohung an, die langsam spürbar wird. Die Musik aus dem Off begleitet als schauriger Soundtrack die Spielszenen, die oft vom inneren Monolog aus den Übertiteln geführt wird. Und die existenzielle Unsicherheit wirkt auch im Privaten, wenn Leandro sich von Rebeca trennen will, die mit großen Hoffnungen nach Diamante gezogen ist, wenn Sophia ohne Thomas auskommen muss, der wieder bei seinem leiblichen Vater wohnt. Glück, Schicksal, Umstrukturierung? Das wechselt nun mal in Epen.

Die Inszenierung spitzt in drei Teilen den Niedergang und die Verrohung der Menschen langsam zu. Das berührt nur mittelbar, weil die Bühnenhäuser wie große Medienkisten wirken, die alles im Fiktiven halten. Einige Darsteller treten mehr als Projektionsfläche für die Story in den Übertiteln auf. Andere sind auch spielerisch gefordert, um sich in der Box bemerkbar zu machen.

Pensotti erarbeitet mit Mariana Tirantte (Bühne), Diego Vainer (Musik), Alexandro Le Roux (Licht) und Florencia Wasser (Produzentin), die als Gruppo Marea kooperieren, ein postmodernes Theater, das Menschen als kalkulierbare Größen in einem System zeigt, das dem Einzelnen nicht mehr verpflichtet ist. Wie die Rechtsanwälte als intrigante Gewinnler präsentiert werden, die ihren Wohlstand in goldfarbenen Ägypterkostümen feiern, skizziert den Zynismus des Lebensspiels. „Diamante“ nimmt einen humanen Standpunkt ein, ohne zu moralisieren. Und auch wenn die Schauspieler mit Applaus bei der Premiere gefeiert wurden, möchte man den Ort schnell verlassen. – Kann man dem System noch entkommen?

30., 31. 8., 1., 2. 9.; Tickethotline 0221/28 02 10

www.ruhrtriennale.de

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