Ruhrtriennale mit Videos von Farocki und Charmatz im Museum Folkwang Essen

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Eine Angestellte im Naturkundemuseum Lodz ist in der Videoinstallation „Eine Einstellung zur Arbeit“ in Essen zu sehen – meistens schaut sie auf ihr Handy.

Von Achim Lettmann -  ESSEN Leder liegt auf dem Werktisch, Lederstücke hängen daneben, Leder verhängt sogar den Blick nach draußen – nur ein paar Arbeiter bewegen sich an dem Ort, wo Produktionsstücke zugeschnitten werden. Wie riecht es wohl hier? Es ist ein eigentümlicher Ort, den Máximo Ciambella aufgesucht hat, um einen Film über „Arbeit“ zu drehen. Ciambella rückt in „Mate und Leather“ das Zwischenmenschliche in den Fokus.

Ihn interessiert, wie die Männer mit Wasser aus der Thermoskanne, die rumgereicht wird, ihren Matetee aufgießen. Es entsteht ein ruhiger, ein fürsorglicher Moment, der episodische Gedanken zu lässt und Arbeit um soziale Qualitäten erweitert.

In dem gesamten Projekt „Eine Einstellung zur Arbeit“ ist Ciambellas Film aus Buenos Aires nur ein Augenblick. Denn das Filmprojekt hält insgesamt 400 Filme bereit. Mit einer Ausstellung dazu startet die Ruhrtriennale im Museum Folkwang Essen die dritte und letzte Saison von Intendant Heiner Goebbels.

Die Kuratoren Antje Ehmann und Harun Farocki haben seinerzeit mit dem Goethe Institut in Boston dieses globale Unternehmen begonnen. Detlef Gericke-Schönhagen (Boston) hatte Harun Farocki und Antje Ehmann 2009 getroffen. Farocki war in dieser Zeit Gastprofessor an der Harvard Universität. Das Goethe Institut strebte eine neue Qualität in der Zusammenarbeit mit Farocki an. In „Eine Einstellung zur Arbeit“ knüpfen Ehmann/Farocki an die Anfänge des Films. Die Brüder Lumière zeigten in nur einer Kameraeinstellung die bewegte Welt 1895. Zum Beispiel, wie eine Lokomotive in den Bahnhof einfährt oder wie Frauen und Männer durch das Tor die Lumière-Werke in Lyon verlassen. Die Faszination der frühen Filmjahre spiegelt sich in einer Sachlichkeit, das Gesehene eins zu eins abzufilmen. Das Ereignis wurde dokumentiert, man versicherte sich mit Hilfe des Films dieses Vorgangs. Die bewegten Bilder des Films waren noch eine Sensation. Und das Publikum konnte selbst schauen, was auf der Leinwand passierte. Die Filmmontage mit Schnitt und Gegenschnitt dominierte noch nicht den Blick des Betrachters.

Diese Aura hat der Film verloren. Kinoformate haben Unterhaltungsformen entwickelt, Dokumentarfilme zeigen Menschen und Ereignisse nach visuellen Methoden. Ehmann/Farocki gehen zurück zu den Anfängen. Sie haben über drei Jahre lang in 15 Städten auf der ganzen Welt Menschen in Workshops ausgebildet, die die Filmarbeit lernen wollten. Jeder Kurs war für 25 Teilnehmer ausgeschrieben. Damit die Aufgabe nicht unübersichtlich wurde, sollten die neuen Filmemacher in nur einer Kameraeinstellung einen Zwei-Minuten-Film zur Arbeit realisieren. Als einzige Variable war der Kameraschwenk erlaubt. Die se einfache Bildästhetik ermöglicht es dem Zuschauer, im Bild umherzuschauen. Was ist sichtbar, wenn der Eismann große Stücke mit der Kreissäge zerteilt? Wie sieht die Umgebung aus? Was für einen Kopfschutz trägt er? Ehmann/Farocki wollen, dass der Betrachter selbstständiger wird. Damit passen sie gut ins Erfahrungskonzept der Ruhrtriennale. Heiner Goebbels möchte, dass der Betrachter Teil des künstlerischen Experiments wird.

Im Museum Folkwang sind 60 Filme zu zehn Programmen zusammengestellt worden, die auf zehn Monitoren zeitgleich abgespielt werden. Es sind Geräusche zu hören, einzelne Untertitel zu lesen, aber vor allem ist „Eine Einstellung zur Arbeit“ ein Kamerastandpunkt, ein Bewegtbild ohne Schnitt.

Der Experimentalfilmer und Filmdozent Harun Farocki, der im Juli plötzlich gestorben ist, wollte immer auch den Betrachter autorisieren, den Film als Produkt mit gewissen Absichten zu verstehen, damit er nicht Opfer eines gelenkten, eines instrumentalisierten Bildes wird. Seine letzte Arbeit ist wie ein Substrat seines Schaffens, das immer von der Hoffnung getragen wurde, mit dem Filmbild aufzuklären, politische Erkenntnisse über Missstände zu fördern. Er wollte die Konsumhaltung zum Kino verändern. Ob in Lodz oder Boston, sobald ein Workshop mit Harun Farocki angeboten wurde, war er in kurzer Zeit überbelegt, sagte Detlef Gericke-Schönhagen vom Goethe Institut. Im Museum Folkwang ist nun sein letztes Werk, das er zusammen mit seiner Frau Antje Ehmann entwickelte, zu sehen.

Außerdem zeigt die Ruhrtriennale in Essen die Videoinstallation „Levée“ (Erhebung) vom Choreografen Boris Charmatz und dem Filmemacher César Vayssié. Es ist ein Filmloop, der auf die Performance „Levée des conflits“ des Musée de la danse bei der Ruhrtriennale 2013 zurückgeht. Auf der Halde Haniel in Bottrop hatte die Company des Musée de la danse ein Repertoire an Bewegungsgesten wiederholt und auf dem staubigen Boden getanzt, der aus den Resten der Kohlegruben stammt. Der Videoloop zeigt Sequenzen aus dem ungemein körperlichen Tanz. Über Nahaufnahmen und Bilder aus der Totalen setzt einem die kraftzehrende Performance zu, bevor der Luftsog eines Helikopters den Gruppentanz zu einem Mahlstrom dramatisiert, der die Menschen hinwegzufegen scheint.

Boris Charmatz thematisiert in seiner choreografischen Arbeit den Dissenz und bezieht sich auf den französischen Theoretiker Roland Barthes, für den es nur eine zeitweise Aufhebung des Konflikts gibt, aber kein Ende der Auseinandersetzungen. Angesichts der Konflikte von Gaza bis in die Ukraine ein aktuelles Thema. Das Video „Levée“ soll eine oszillierende Skulptur aus Körpern sein, die einen Sog auslöst und nach dem Gemeinsamen, unserer Kultur und unserer Demokratie fragt.

Installationen

60 kurze Filme zu Arbeitssituationen in der ganzen Welt.

Eine Einstellung zur Arbeit im Museum Folkwang Essen.

Levée ist ein Videoloop zu einer Tanzchoreografie des Musée de la danse auf der Halde Haniel im Museum Folkwang Essen.

Eröffnung Sa., 16. 8., 12 Uhr, bis 28. 9., di-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 22 Uhr.

Melt, eine begehbare Installation im Landschaftspark Duisburg-Nord von Rejane Cantoni und Leonardo Crescenti, bis 28. 9.

Quelle: wa.de

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