Die Ruhrtriennale widmet ein Konzert dem Untergang der „Titanic“

Von Edda Breski DUISBURG -  Der Mann, der da singt, ist lange tot. Seine warme, etwas wackelige Altmännerstimme singt einen religiösen Hymnus. Der Komponist Gavin Bryars, der minimalistische mit seriellen Ansätzen mischt, hat die Stimme eines Obdachlosen aufgenommen und in einen Loop gelegt.

„Jesus’ blood never failed me yet“ (1972) kombiniert diesen Loop mit einem Orchesterpart, dessen Abfolge der Entscheidung der jeweils ausführenden Musiker überlassen ist. Die lettische Dirigentin Anu Tali und die Bochumer Symphoniker hüllen die Stimme des Mannes, der noch vor der Uraufführung starb, in ein kuscheliges Klangkissen, unterstützen sie mit tröstlichen Harmonien, bis Glocken und große Trommel den Gesang zur Ruhe betten und die Streicher mitten in der Phrase stoppen.

Im Rahmen der Ruhrtriennale war im Landschaftspark Duisburg ein Abend dem „Sinking of the Titanic“ gewidmet. „Jesus’ Blood“ wurde gekoppelt mit den „Requies“ von Luciano Berio und „The Sinking of the Titanic“ von Gavin Bryars.

In dem 40-minütigen „Titanic“-Stück (1969) koppelt Bryars Tondokumente von Überlebenden des Schiffsunglücks mit Orchesteranweisungen – er vermied das Wort „Partitur“ und nannte seine Vorlage „road map“, wieder entscheiden die Musiker über die Anordnung. Es spielt ein „dunkel“ besetztes Streichquartett – zwei Bratschen, Cello, Kontrabass – die Hymne „Autumn“ an, die laut Zeitzeugen beim Untergang des Schiffs von vier Musikern an Deck gespielt wurde. Dagegen stehen ein Cellotrio, eine Holz- und Blechbläserfraktion, Synthesizer, Schlagwerk. Bleche rauschen, es pocht und dröhnt wie schweres Metall, das sich unter Wasser verschiebt. Die in sich verschobene, stets zum Klangstrom geformte Musik geht ins Endlose, hat unter Tali bei aller Kühle aber etwas Romantisches. In dem Jahr, in dem mit Konzerten, Fahrten zum Unglücksort und Ausstellungen an das Ereignis von 1913 erinnert wurde, hat das sogar etwas Kitschiges, als laufe im Hinterkopf des Zuhörers eine lange Kamerafahrt durch das Wrack in blauer Tiefe mit. Laut anderen Quellen wurde während des Untergangs die religiöse Hymne „Nearer my god to thee“ gespielt – einer der interreferenziellen Kommentare dieses Themen-Konzerts.

Berios „Requies“ (1984), geschrieben anlässlich des Todes seiner Frau Cathy Berberian, kreisen und flimmern um einen Grundton. Tali fächert die schraffierten Klangflächen auf und arbeitet das unruhige Schimmern der Klangfarben heraus.

Quelle: wa.de

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