Ruhrtriennale-Konzert mit Musik von Charles Ives

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Bariton Thomas Hampson und das Mahler Chamber Orchestra unter Kent Nagano beim Charles-Ives-Konzert in der Bochumer Jahrhunderthalle. ▪

Von Elisbeth Elling ▪ BOCHUM–Der New Yorker Berufsverkehr am frühen Morgen. Die Tochter beim Spielen mit einer Freundin. Das Schwimmen im kühlen Wasser, das nach atemlosen ersten Zügen ein reines Glückserlebnis wird. So etwas inspirierte den Komponisten Charles Ives. Lebenssatt und mitteilsam ist die Musik des Amerikaners (1874-1954). Die Ruhrtriennale widmete ihm am Samstag in der Bochumer Jahrhunderthalle ein Porträtkonzert mit selten gespielten Werken.

Milden Schönklang verströmt das Mahler Chamber Orchestra, den Kent Nagano mit sparsamen Gesten dosiert, oft nur mit den Fingerspitzen. Das MCO ist ein fabelhafter Klangkörper; in Ives‘ zweiter Sinfonie fallen unter den durchweg hochklassigen Musikergruppen besonders die Hörner und die tiefen Streicher auf. Im dritten Satz, dem zentralen Adagio, beschwören sie einen europäisch-romantischen Tonfall. Ives schrieb das Werk 1899 bis 1902, revidierte es aber noch mehrfach – unter anderem fügte er einen schroffen Schluss an. Der knallt ein Fragezeichen hinter die pastoralen Stimmungen der vorangegangenen Sätze und hinter das tirilierende Taumeln des Finales.

Ein typischer Ives-Effekt. Er bringt immer wieder verschiedenartige Elemente zusammen: Tonarten, Rhythmen, Klangebenen. So spielt in der Suite Orchestral Set No. 2 (1919), die das Bochumer Konzert eröffnete, im dritten Satz ein Fernorchester einen gedämpften Generalbass, der bald überlagert wird und erst zum Schluss wieder zu hören ist. Oft zitiert Ives auch aus seinem musikalischen Erfahrungsschatz: Kirchenlieder, Märsche oder Ragtimes, die er in jungen Jahren für Theaterkapellen verfasst hatte.

Die Hochglanz-Interpretationen des MCO bleiben durchhörbar, decken Ives‘ Originalität und Einfallsreichtum nicht zu, trotz der vielschichtigen Überlagerungen, zu denen der Komponist im Orchestral Set No. 2 fand. Diese Transparenz belebt die strenge Stimmenführung im ersten Satz der Sinfonie, vor allem aber Ives‘ Lieder.

Sie erklingen in Bochum nicht mit Klavierbegleitung (so hatte Ives 1921 seine „114 Songs“ veröffentlicht), sondern als Bearbeitungen für Orchester. Die je fünf Adaptionen von Georg Friedrich Haas und Tashio Hosokawa waren am Vorabend in Berlin uraufgeführt worden, waren also bei der Ruhrtriennale noch ganz frisch. Haas‘ Bearbeitungen konturieren die Songs mit expressionistischer Schärfe. Er übersetzt im staatstragenden Lincoln-Lobgesang das Einhämmern des Firstnagels mit klackendem Schlagwerk – und der amerikanische Star-Bariton Thomas Hampson singt hier mit statuarischer Fülle. Die Nebelschwaden in „Mists“ wabern von gestopften Bläsern und flirrenden Geigen, und hinein strahlt der Sopran von Chen Reiss. Stilsicher gestaltet sie aber auch den schlichten Volksliedton von „Two Flowers“, einem versonnenen Blick von Ives auf seine Tochter.

Weniger illustrativ sind die Aneignungen von Hosokawa. „Memories“ etwa ironisieren die Konventionen von 20er-Jahre-Schlager und Musicalschnulze. Er rahmt die Songs mit pulsierenden Klängen: Zum Flageolett der Geigen pusten die Bläser in die Mundstücke. Das ergibt ein Atemgeräusch, das Ives‘ Musik ins pralle Leben stellt.

Quelle: wa.de

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