Ruhrtriennale vor dem Festivalstart

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Sie bringen die Ruhrtriennale in Fahrt: Katja Aßmann, Urbane Künste Ruhr (von links), Lucas Crepaz, Geschäftsführer Kultur Ruhr GmbH, Dorothea Neweling, Dramaturgin, Jan Vandenhouwe, leitender Dramaturg, Johan Simons, Intendant der Ruhrtriennale, Sandra Hüller, Schauspielerin, Hauschka, Komponist und Pianist, sowie Tobias Staab, Dramaturg.

BOCHUM - Am Freitag geht es los. Die Ruhrtriennale startet unter ihrem neuen Intendanten Johan Simons. Er inszeniert die erste große Produktion des Festivals, „Accattone“ nach dem Film von Pier Paolo Pasolini (1961) und mit Musik von Bach.

Ein wenig angespannt wirkt Johan Simons schon, wenn er in der Bochumer Turbinenhalle vom Fortgang des Mammutprojekts berichtet. Was gewiss verständlich ist, geht es ihm doch nicht darum, lediglich einen alten Filmstoff auf die Bühne zu übertragen, sondern gleichsam dem Publikum dessen politisch-philosophische Grundierung als eine Art Zustandsbeschreibung der nachindustriellen Welt in Sonderheit des Ruhrgebiets nahezubringen.

Der Spielort ist sinnfällig: die Kohlemischanlage der Zeche Lohberg in Dinslaken dehnt ihre Spielfläche gut 200 Meter in die Tiefe des Raumes; ein wüstengleiches Terrain, das der Trostlosigkeit proletarischer römischer Vororte, in denen Pasolinis Film spielt, recht nahe kommen soll. Die Halle hat den niederländischen Theatermann gereizt: „Als Intendant muss man sich immer wieder in unkomfortable Situationen bringen“, sagt er, das nütze der schöpferischen Arbeit. Den größten Teil seines Berufslebens habe er eher Hallen als Theater bespielt. Zudem will Simons „Theater machen für Leute, die nie ins Theater kommen“. Für Menschen wie die in Lohberg, wo nur vier Prozent der Kinder zum Gymnasium gehen.

Ganz unübersehbar gab es aber auch ein erhebliches Interesse „der Kohle“ daran, Siemons nach Dinslaken zu holen. Rein geographisch gehört Dinslaken eher zum Niederrhein als zum Ruhrgebiet . Gleichwohl hat der Eigentümer reichlich Geld in die Hand genommen, um die triste Kohlenmischhalle rudimentär für einen Theaterbetrieb der Ruhrtriennale zu ertüchtigen. Zudem kommen satte 800 000 Euro Produktionskostenzuschuss von der Kulturstiftung des Bundes, wie dessen Vertreterin Friederike Tappe-Hornbostel sich freute, verkünden zu können. Baulich und finanziell also komfortabel ausgestattet, soll „Accattone“ ganze sechs Mal über die Bühne, also durch die Kohlenmischanlage gehen, ein Stück, wie zu vernehmen ist, über revolutionäres Potential am untersten Rand der Gesellschaft. Philippe Herreweghe führt den Taktstock, das Collegium Vocale Gent singt. (Termine: 14., 15., 19., 20., 22., 23.8., 20 Uhr)

Nicht nur die Eröffnungsproduktion „Accattone“ wendet sich dem Schwund von Erwerbsarbeit zu, viel dezidierter noch tut es der Festredner, der erstmals das Festival eröffnen wird. Byung-Chul Han, in Südkorea geboren, lehrt an der Berliner Universität der Künste Philosophie und arbeitet zur Beschleunigung der Arbeitszeit und zu Lebensformen, die sich diesem Trend entziehen. „Mündigkeitsgesellschaft“ und „Transparenzgesellschaft“ sind Begriffe seines Denkens; „Hoch-Zeit – Die Zukunft den Arbeitslosen! – Sieg oder Niederlage einer Gesellschaft ohne Arbeit“ lautet der Titel seiner Festspielrede, die er am Eröffnungsfreitag (14. August) um 17 Uhr in Dinslaken halten wird.

Wem das jetzt viel zu philosophisch ist, der kann sich am Eröffnungssamstag in und vor der Bochumer Jahrhunderthalle popmusikalisch, elektronisch, avanciert, psychedelisch entrückt vergnügen. Die Bands „HeCTA“, „The Notwist“ und „Caribou“ spielen auf, einige DJs legen auf und außerdem hat das alles noch mit dem 25-jährigen Jubiläum des Berliner Plattenlabels „City Slang Stage“ zu tun: „Ritournelle“ ist diese einmalige Großveranstaltung betitelt, Eintritt ab 18 Uhr, Bands ab 21 Uhr, Eintritt immerhin 40 Euro.

Vor der Jahrhunderthalle hat das Atelier Van Lieshout „The Good, the Bad and the Ugly“ installiert, eine wuchtige Großplastik mit etlichen Funktionsräumen, die „Domestikator“ oder „Workshop for Medicine and Alcohol“ heißen. Das zentrale „Refektorium“ bietet an den Wochenenden ein eigenes Programm mit Werkstattgesprächen, Workshops, Dokumentarfilmen, Lesungen und ein bisschen Party an.

Und was ist mit Essen? Dort, im Salzlager der Zeche Zollverein, wird natürlich wieder getanzt. Die Choreographie „Model“ des Amerikaners Richard Siegal besteht aus zwei Teilen, deren erster bereits 2014 das Licht der Bühnenwelt erblickte, „Metric Dozen“ heißt und ganze 20 Minuten lang ist. Hier entsteht Tanz zu elektronischen Klängen in hoher Intensität. Und mit Teil zwei kommt die Produktion auf eine Stunde 20 Minuten, es tanzt das Bayerische Staatsballett.

Ein Konzert in Erinnerung an den verstorbenen Intendanten Gerard Mortier ist am Sonntag in Duisburg Nord angesetzt (15 Uhr), in Ruhrort gibt es für große und kleine Leute das Stück „Sturzflug“ des belgischen Theaterkollektivs Orka zu sehen (15., 16., 18., 19., 20., 21.8., unterschiedliche Anfangszeiten), und Triennale-Kooperationspartner Urbane Künste Ruhr zeigt im Ehemaligen Eisenbahnhafen in Ruhrort die Installation „Nomanslanding“, die auch schon in Sydney zu sehen war und von Duisburg nach Glasgow wandern wird.

48 500 Eintrittskarten hat die Ruhrtriennale zu verkaufen, 8000 mehr als im Jahr davor. Eine Gesamtauslastung von 78 Prozent ist bereits erreicht, sagt Johan Simons. Man hofft sogar, das bisherige Rekordjahr 2013 noch zu übertreffen.

Rolf Pfeiffer

www.ruhrtriennale.de

Tickethotline 0221/280 210

Karten auch an den üblichen Vorverkaufsstellen

Quelle: wa.de

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