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Ruhrtriennale eröffnet im Barbara Freys Uraufführung zum „Untergang des Hauses Usher“

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Von: Achim Lettmann

Michael Maertens kreischt mit Perücke und Affenhänden in Barbara Freys Uraufführung zu „Der Untergang des Hauses Usher“
Michael Maertens kreischt mit Perücke und Affenhänden in Barbara Freys Uraufführung zu „Der Untergang des Hauses Usher“ bei der Ruhrtriennale in der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel. © Matthias Horn

In der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck inszeniert Barbara Frey „Der Untergang des Hauses Usher“ von Edgar Allan Poe für die Ruhrtriennale.

Gladbeck – Die neue Intendantin der Ruhrtriennale, Barbara Frey, hat bei der Lektüre von Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ Bezüge zum Ruhrgebiet entdeckt. Poe schreibt von der „unerträglichen Melancholie“ beim Blick auf das Haus Usher. Und Schauspieler Michael Maertens spricht diese Worte in Freys Uraufführung aus der Kurzgeschichte des US-Autors (1809–1849), der das unausweichliche Drama mit dem düsteren Bild eines englischen Familiensitzes vorwegnimmt. Aus dieser Dunkelheit heraus wird die Ruhrtriennale (bis 25. 9.) mit ihrer ersten großen Bühnenproduktion in der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel eröffnet: „Der Untergang des Hauses Usher“ – geschrieben 1839/40 – ist eine mehrsprachige Inszenierung mit Übertiteln.

Barbara Frey hatte auf ein Motto für ihre dreijährige Intendanz verzichtet. Einen „melancholischen Geist“ verspüre sie, wenn sie ans Ruhrgebiet denke, sagte die Musikerin und Theaterregisseurin aus Basel im Gespräch mit der Historikerin Uta C. Schmidt. Wo er herkomme oder ob er nur Illusion sei, ist ihr ein wichtiges Anliegen. Am Premierenabend der Gemeinschaftsproduktion mit dem Wiener Burgtheater gab es keine Antwort auf diese interessanten Fragen.

Mit einer minimalistischen Tonfolge entzieht Komponistin Frey dem Industriedenkmal von 1909 seine erzählerische Aura. In der Maschinenhalle schlagen zwei Pianisten gleichzeitig hohe Töne an und lassen alsbald Akkorde im enervierenden Rhythmus mit mehr Klangvolumen folgen – 18 Minuten lang. Rasende Autos und brüllende Motoren wechseln die Soundkulisse, bis ein Chor in naher Ferne zu hören ist. Drei Darstellerinnen und drei Darsteller rezitieren dann Poes Prosa. Eng rücken sie zusammen, als ob das literarische Unheil sie gleich erfassen könnte. Streng und ernsthaft fällt der Vortrag dieser Sprecheinheit aus, die nacheinander dem Text folgen und dann wie entgeistert vom „unvorstellbarem Rätsel“ und „untilgbarer Schwermut“ sprechen. Mit einem Akkordeonspiel wird ihre Angst zur hörbaren Melancholie gewandelt.

Barbara Frey erkundet über Sprechrollen das Schreckensszenario in Poes gruseligen Kurzgeschichten. Debbie Korley tritt vor und stellt entschlossen und konzentriert „eine verwunschene Insel“ vor. Die Textstellen aus „Das Feeneiland“ (1841) zielen auf Bilder des Grauens, die das Spektrum von Schwarz als Synonym für Verzweifelung abmessen wollen. „Die Grube und das Pendel“ wird neben „Berenice“ und „Die Affäre in der Rue Morgue“ als weitere Geschichten aus Poes Erzählkosmos angetippt.

Die Inszenierung widersteht, Edgar Allan Poes Horrorpotential effektvoll auszuschlachten. Immer wieder werden die Vorgänge im Haus Usher als Erzählkern aufgegriffen. Martin Zehetgruber (Bühne) hat vor allem kleine Areale in der Halle mit Stühlen und Bücherstapeln kenntlich gemacht – es sind Leseorte. Platz für die eigene Lektüre, Zeit für Phantasmagorien, in denen jeder auf seine Weise gefangen sein kann.

Beispielsweise spricht Michael Maertens vom zweifachen, bestialischen Tod in Paris, wo die Leiche einer jungen Frau im Kamin entdeckt wird. Sarkastisch klingt Maertens, der in der Überhöhung eine selbstgewählte Distanz zum Grauen schafft. Mit heiserem Zischen wendet er sich vom Leid der Ermordeten ab. Und als der zerschnittene Körper der Mutter entdeckt wird, zieht Maertens haarige Affenhände an und wehrt sich gegen das Traumbild greiser Damen, die ihn mit ihren Rollatoren umzingeln. Schreiend reißt er ihre Perücken ab.

Mehr Geisterbahn findet nicht statt. Eigentlich sind es die ruhigen Momente, die mit feinem Erschaudern überzeugen. Wenn Annamária Láng und Markus Scheumann die Zwillinge Madeline und Roderick Usher gemeinsam in einem schwarzen Einteiler verkörpern. Je nach Textstelle schaut ein Kopf hervor, um die Tragik dieses bis in den Tod verbundenen Wesens augenfällig zu machen.

Ein Inzest? Poe lässt es in seiner Kurzgeschichte offen. In Gladbeck wird der Kuss zwischen Leben und Tod lang und schrill. Dabei dreht Barbara Frey zum Ende etwas am Wahnsinn. In „Berenice“ verausgaben sich Cousin und Cousine, als beide „lang, schmal“ schreien und die Zähne von ihr, Berenice (Katharina Lorenz), meinen, die Egeus (Jan Bülow) ausgeschlagen hat, während sie noch im Grab lag. Ein morbider Spaß.

Glocken, Rassel, Klavierakkorde und Eisenquietschen künden das Finale an. Mit Spotlicht durch die Fensterläden setzt Rainer Küng (Licht) klassische Stimmungen. Die Musik von Barbara Frey und Josh Sneesby ordnet die erzählten Träume, kommentiert mit Rock-Pop-Reminiszenen und erinnert auch an Poe. Der Lyriker hatte sich vom Amerika des 19. Jahrhunderts abgewandt. Seine Traumwelten waren ihm alles. Industrielärm kommt bei ihm nicht vor.

In Gladbeck ist „Der Untergang des Hauses Usher“ ein gespielter Lesetraum. Die Solisten des Ruhrkohle-Chors schreiten in die Halle – auf Abstand. Am Ende fehlt aber das verbindende Motiv. Warum hat sich Frey so auf Poe eingelassen? Es bleibt insgesamt eine biedere Schau zu Gruselstories. Freys Frage nach dem Ursprung der Melancholie im Revier macht Lust auf Erkundungen im Diesseits, nicht im mythischen Jenseits der Schauerliteratur.

20. 8. noch wenige Tickets www.ruhrtriennale.de

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