Ruhrtriennale diskutiert über Kunstfreiheit

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Zweifel an der Freiheit der Künste: In Bochum diskutierten der Komponist Elliott Sharp, Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp und Moderator Norbert Lammert (von links).

BOCHUM - Man brauchte einen im Politikbetrieb gestählten Routinier wie Norbert Lammert, um in diese Debatte halbwegs im Rahmen zu halten. In der Turbinenhalle der Bochumer Jahrhunderthalle drohte zwischenzeitlich die Podiumsdiskussion „Freiheit der Künste – Freedom of Speech“ zu eskalieren, und nur mühsam besänftigte der frühere Bundestagspräsident die Tumulte zwischen jüdischen Aktivisten, die den israelischen Regisseur und BDS-Unterstützer Udi Aloni niederbrüllen wollten.

Bei der Ruhrtriennale wollten die Intendantin Stefanie Carp, Künstler und Politiker über die Freiheit der Künste sprechen. Anlass war der Streit um die Band Young Fathers, die ursprünglich an diesem Samstag beim Festival auftreten sollte. Aber weil die Musiker die israelkritische Kampagne BDS (Bykott, Desinvestition und Sanktion) unterstützen, hatte Carp sie ausgeladen, dann wieder eingeladen, am Ende sagte die Band ab.

In der Folge kam eine Kampagne gegen die Intendantin ins Rollen. Inzwischen fordern jüdische Verbände die Entlassung der Intendantin. Andererseits schlägt die Affäre Wellen in der internationale Presse. In einem offenen Brief im britischen Guardian protestierten Künstler und Wissenschaftler wie der Regisseur Ken Loach, der Schauspieler Viggo Mortensen, die Musiker Patti Smith und Roger Waters gegen Zensur bei der Ruhrtriennale.

Die jüdische Aktivistin Malca Goldstein-Wolf hatte zur Demonstration aufgerufen, bei der vor ungefähr 250 Teilnehmern die Entlassung Carps gefordert wurde. Etliche Demonstranten saßen kurz darauf im Saal an der Jahrhunderthalle und störten aggressiv die Diskussion.

Auf dem Podium saßen die amtierende NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen und ihr Vorgänger Michael Vesper, der inzwischen Vorsitzender des Vereins der Freunde der Ruhrtriennale ist. Beide gingen auf Distanz zu Carp. Pfeiffer-Poensgen sah eine Grenze überschritten. Man dürfe eine Bewegung, die das Existenzrecht Israels in Frage stelle, nicht akzeptieren. „Einen BDS light gibt es nicht.“ Vesper monierte, dass die Ruhrtriennale von einer Kampagne in die Zange genommen werde, die „uns vorschreiben wollen, welche Kunst wir erleben dürfen und welche nicht“.

Auf der anderen Seite sprachen BDS-Unterstützer wie der US-Komponist Elliott Sharp und die belgische Dramaturgin Hildegard de Vuyst. Ihr Bild von BDS ist anders, sie sehen darin eine gewaltlose Kampagne, um Druck auf Israel auszuüben, das in seinem Vorgehen gegen die Palästinenser gegen internationales Recht verstoße.

Eigentlich hätte bei der Diskussion abgerüstet werden können. Stefanie Carp bekannte sich eindeutig zum Existenzrecht Israels und betonte, dass sie nicht beim BDS unterschreiben würde. Sie sagte allerdings auch, ihr Fehler sei gewesen, die Young Fathers auszuladen. Und sie sprach das Hauptproblem an, das anschließend unbesprochen blieb: Inwieweit ist die Unterstützung von BDS ein Kriterium, ob ein Künstler bei der Ruhrtriennale mitwirken darf oder nicht, selbst wenn die Produktion, an der er mitwirkt, ganz andere Themen behandelt. „Darf ich jetzt alle Künstler, die mit BDS sympathisieren, nicht mehr einladen? Darf ich Alain Platel nicht mehr einladen?“ Die Ministerin blieb darauf eine Antwort schuldig.

Oder muss Elliott Sharp, dessen Operninstallation „Filiseti Mekidesi“ Anfang September Premiere hat, jetzt auch ausgeladen werden? Der Sohn einer Holocaust-Überlebenden wies in der Diskussion Israel wegen seines Vorgehens gegen die Palästinenser eine Hauptschuld am globalen Antisemitismus zu. Eine schwer erträgliche These. Aber macht das diesen Juden zum Antisemiten?

Carp betonte, dass die Gestaltung eines Festivals sehr eingeschränkt würde, wenn man bei jedem Künstler prüfen müsse, inwieweit er mit einem „wording“ verbunden sei. Hier zeigten sich die Defizite der Debatte: Wer definiert Antisemitismus? Die Unversöhnlichkeit bleibt in der Debatte. So steht zu befürchten, dass aus einem vergleichsweise kleinen Anlass ein kultureller Leuchtturm des Landes beschädigt wird.

Quelle: wa.de

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