Die Ruhrtriennale bietet Kunst in Industriebauten

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Ein Bauwerk, das man betreten kann: Der „Tower“ aus Wasser von rAndom International in Essen.

Von Ralf Stiftel DUISBURG/ESSEN - Es dröhnt ohrenbetäubend. Durch die dunkle Halle der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord flirrt eine Straße grellen Lichts, das schwarz-weiße Streifen bildet. Ein bisschen fühlt sich das wie eine Disco an. Das Licht zieht die Menschen an wie sonst Motten. Sie flanieren auf dem 100 Meter langen Streifen, sie laufen, sie setzen sich. Die Kunst der Avantgarde kennt hier keine Hemmschwelle.

Ryoji Ikeda hat „test pattern“ für die Ruhrtriennale geschaffen. Es ist eine von mehreren monumentalen Kunstinstallationen in ehemaligen Industrieräumen, die bei freiem Eintritt zugänglich sind. Intendant Heiner Goebbels nutzte die Chance, in diesem Jahr die Räume zur Verfügung zu haben, um das Festival weiter für bildende Kunst zu öffnen – eine Bereicherung. 2014, soviel steht schon fest, wird es weniger Kunst geben.

Die Lichtarbeit des 1966 geborenen japanischen Künstlers behandelt durchaus ein komplexes Thema, die Überflutung mit Informationen. Die abstrakten Hell-DunkelMuster sind tatsächlich Barcodes, wie sie heute auf praktisch jeder Ware zu finden sind. Mit den Projektionen prüft Ikeda die Wahrnehmungsfähigkeit der Besucher. Oder besser: Er überfordert sie. Wer kann schon das wilde Flirren entschlüsseln als präzise Abfolge mathematischer Konstellationen? Die elektronischen Klänge der Installation übersetzen die Daten ins akustische Medium. Die dumpfen Techno-Beats, schwirrenden Geräusche und grellen Piepser tragen also ebenfalls einen Code. Die Menschen freilich nehmen gar nicht wahr, dass sie überfordert werden. Sie erleben die bizarre Kunstwelt als Erlebnis- und Mitmachraum.

Ortswechsel zum Weltkulturerbe Zollverein in Essen. Vor dem Ruhrmuseum rauscht Wasser. 19 Meter hoch ist der so labile „Tower – Instant Structure for Schacht XII“. Das Londoner Künstlerkollektiv rAndom International lässt aus einer speziellen Konstruktion 25 000 Liter in der Minute auf ein Gitter fallen und errichtet so einen Turm aus Flüssigkeit. Den Ort wählten die drei Künstler nicht zufällig: An dieser Stelle verläuft die zentrale Wasserhaltung der einstigen Zeche. Die Arbeit spielt mit dem Widerspruch, etwas Dauerhaftes wie einen Turm aus etwas Flüchtigem wie Wasser zu errichten. Der Betrachter mag auch über die Bedeutung des Elements Wasser nachdenken.

Aber auch bei diesem Kunstwerk geht es mehr noch um die Einbindung des Betrachters. Von einem Kleiderständer kann sich jeder ein Regencape nehmen und den Tower betreten. Umgeben von Wasser in den Himmel zu schauen macht ebenso viel Spaß wie die Wände zu durchbrechen und es ordentlich spritzen zu lassen.

Fünf Minuten entfernt liegt die einstige Mischanlage der Kokerei Zollverein. In den Turm mit seinen hallenhohen Räumen, die durch Durchbrüche verbunden in Zwielicht liegen, hat Douglas Gordon eine Video-Installation platziert. „Silence, Exile, Deceit“ ist ein Musiktheater ohne Darsteller, eine „Geisterbahn“, wie der schottische Videokünstler erklärt. Auf Großleinwänden lässt er es ordentlich krachen. Die Pyrotechnik lässt das solide Betonbauwerk erbeben. Kryptische Szenen mit maskierten Frauen oder einem Raben, der ein Futterküken verzehrt, erzeugen zu Musik von Purcell und Mozart für wohlige Schauer. Und zwischendurch bricht der Videovulkan aus und erinnert an Stahlwerke.

Auch an der Jahrhunderthalle in Bochum gibt es etwas zu sehen. Der Düsseldorfer Lichtkünstler Mischa Kuball projiziert geometrische Muster auf die Türme um die Halle. Und lässt Spotlights über eine Treppe vor dem Eingang laufen, die von manchen Besuchern als Anregung genutzt werden, sich in Szene zu setzen.

Und der rumänische Zeichner Dan Perjovschi füllt die schwarzen Wände und die Scheiben des Foyers mit seinen zeichnerischen Kommentaren zum Zeitgeschehen. Mehrsprachig minimalistisch kommentiert er die Wirtschaftskrise, die Situation der Künste und iPhones.

Kunst zum Mitmachen erweitert das Spektrum der Ruhrtriennale.

Ryoji Ikeda: 4.–15.9., 13 – 21 Uhr; rAndom International: Bis 6.10., tägl. 10 – 1 Uhr; Douglas Gordon: Bis 6.10., tägl. 10 – 18 Uhr, 30., 31.8., 1., 7., 19.–21., 29.9., 2.–5.10. bis 20 Uhr;

Mischa Kuball und Dan Perjovschi bis 6.10.,

www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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