Reportage über türkisch-deutsches Leben

Ergun Çagatays Fotografien im Ruhrmuseum Essen

Porträt der Inhaber des Obst- und Gemüseladens Mevsim, Weidenstraße, Köln-Eigelstein.
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Porträt der Inhaber des Obst- und Gemüseladens Mevsim, Weidenstraße, Köln-Eigelstein. Die Fotografie von Ergun Çagatay ist Teil der Ausstellung „Wir sind von hier“ im Ruhrmuseum Essen.

1990 fotografierte Ergun Çagatay türkisch-deutsches Leben in der Bundesrepublik. Zu sehen in der Ausstellung „Wir sind von hier“ im Ruhrmuseum Essen.

Essen – Sechs Wochen hat Ergun Çagatay Zeit, um türkeistämmige Zuwanderung in Deutschland zu fotografieren. Die Pariser Agentur Gamma hat ihn beauftragt. Das Projekt soll Arbeitsmigration aus dem globalen Süden sichtbar machen. Çagatay ist 1990 für Deutschland zuständig. Seine Reise führt ihn nach Hamburg, Köln, Werl, Berlin und Duisburg. Er begegnet der ersten und zweiten Generation. In den 1960/70er Jahren wurden sie noch Gastarbeiter genannt. Wie die Inhaber des Gemüsegeschäfts Mevsim in Köln-Eigelstein, die auf dem Foto zufrieden aussehen. Tomaten, Birnen, Bohnen, Öle, Konserven, Zigaretten – alles hat seinen Platz.

In Köln gibt es die Ford-Werk. Erste Arbeiter aus der Türkei kamen 1961. Rund 7000 von ihnen lebten 1970 in 30 Wohnheimen. Ihren Verdienst schickten sie nach Hause. 1972 waren es schon 12 367 Arbeiter. Frauen und Kinder kamen nach. Das Leben änderte sich in der neuen Heimat. Die Fotografien von 1990 zeigen nun Vater und Sohn, die zur Ford-Belegschaft in Köln-Niehl zählen. Türkische Frauen arbeiten am Fließband. Der Autohersteller ist Teil ihrer Welt geworden. Die Ausstellung „Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben“ transportiert mit großem Engagement den Status Quo der Migration. Die Fotografien von Ergun Çagatay sind im Ruhrmuseum Essen zu sehen.

Von den insgesamt 3500 Aufnahmen sind 116 ausgestellt. Meist Einzel- und Gruppenporträts aus allen Lebensbereichen. Der professionelle Fotograf, der türkisch spricht, wird willkommen geheißen. Ihm kann man sich anvertrauen, wissen auch die Bergleute auf der Zeche Walsum (Duisburg). Beide wirken etwas melancholisch. Der Bergbau und die Schwerindustrie boten Arbeit für die Einwanderer aus dem Süden.

Ergun Çagatay musste erstmals für eine Reportage unter Tage. Sein Selbstbildnis zeigt ihn vor der Einfahrt – die Grubenkleidung ist noch weiß. In Duisburg übernachtete er bei Landsleuten. Die Solidarität unter den Kumpel rührte Çagatay. Seine Fotos zeigen die grauen Wohnblocks in der Danziger Straße (Walsum) und die Familie Sezgin mit sechs Söhnen und einer Schwiegertochter. Bergarbeiter Bilal Odabasi steht stolz mit seiner Familie um den schwarzen Mercedes. Die Hausfassade in der Seydlitzstraße (Walsum) ist verrußt. Die Töchter lächeln.

Die Ausstellung taucht in Çagatays Bildwelten ein. Vor allem weil das Fotomaterial mithilfe vergrößerter Reprints mehr Nähe und sichtbare Details bietet. Eine Medieninstallation reiht 400 Bildsequenzen aneinander. Außerdem sind acht Video-Interviews hörbar, die Erfahrungen von türkeistämmigen Frauen und Männer transportieren – und von Günter Wallraff, der als „Ich, Ali“ auf unwürdige Arbeitsbedingungen aufmerksam machte.

Die Fotografien von Ergun Çagatay (1937–2018) sind heute wieder von Interesse. Vor 60 Jahren schlossen die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei einen Vertrag. Türkische Arbeitskräfte wurden ab 30. Oktober 1961 offiziell angeworben. Das Auswärtige Amt unterstützt die Schau und erinnert an diesen Teil Bundesrepublikanischer Geschichte. Wie steht es heute mit Integration und Teilhabe?

Auf seinem Weg nach Berlin stoppte Çagatay in Werl, um die Fatih-Moschee zu fotografieren. Hier hatten die Stadtväter erlaubt, dass der türkisch-islamische Kulturverein Ditib zu dem neuen Gotteshaus auch ein Minarett bauen durfte. Ein Novum 1990. Die Zeit der Hinterhof-Moscheen war vorbei. Es gab Platz für 400 Betende. Zu sehen sind auch Jugendliche in der Moschee, Kinder in der Koranschule – die muslimische Gemeinde entwickelte sich. Çagatay sagte seinerzeit: „Die Geschichte lehrt, dass Religion bei Minderheiten immer als soziales Bindemittel wirkte.“ Heute wird Islamische Theologie an Hochschulen wie in Münster angeboten. Die religiöse Bildung ist ein sensibles Thema zwischen Ditib und der Bundesregierung, weil der türkische Staat den Kulturverein kontrolliert. 2300 Moscheen gibt es mittlerweile in Deutschland.

Ergun Çagatay ist Reportagefotograf. Manchmal spürt man seine Verbindung zu den Fotografierten. Aber einen speziellen Fotostil hatte Çagatay nicht. Er lieferte aktuelle Bilder zum Projekt der Agentur. Ein Auftragsfotograf, der mit geübtem Blick aussagekräftige Bilder machen konnte. Die Frauen in der Arbeitersiedlung Sandstraße, Duisburg-Hamborn, sind so ein Zeitdokument von 1990. Negative Zuschreibungen sind hier nicht intendiert.

In Izmir geboren musste Çagatay 1958 auf Wunsch seines Vaters Jura studieren. Nach drei Jahren gab er auf und wurde Texter in einer Werbeagentur. Ab 1968 verdiente der Autodidakt sein Geld mit Fotos für die Agentur Associated Press. 1983 überlebte er einen armenischen Terrorangriff am Pariser Flughafen Orly nur knapp. Später reiste er durch Asien und Europa. In Essen sind Fotobände und einige Vintage-Abzüge von Çagatay ausgestellt. Sie belegen, dass sein ethnologisches Interesse vor allem turksprachigen Völkern in Zentralasien galt. Er gab drei Bücher heraus.

Neben Familie, Arbeit, Religion und Freizeit dokumentiert die Ausstellung „Wir sind von hier“ auch Unerwartetes wie das Kölner Arkas Theater. Die Gruppe spielte den meistgelesenen Autor der Türkei, Aziz Nesin (1915-1995). Mit dem Stück „Ob Yasar lebt oder nicht“ ging es auf Tournee durch die Niederlande, Österreich, Frankreich, Belgien, Deutschland.

Interessant auch Çagatays Fotografien aus Berlin, wo wenige Monate zuvor die Mauer gefallen war. Er begleitet einen Gemüsehändler der Firma „Fruta“ nach Ostberlin, wo er an seinen Companion ausliefert. In Berlin sind vor allem Kleinunternehmer mit türkischen Wurzeln zu finden. Aber auch die Jugendgang „36 Boys“ in Kreuzberg, die löchrige Mauer am Leuschnerdamm und der älteste islamische Friedhof Deutschlands, eine Hochzeit am Oranienplatz und eine Bauchtänzerin im Nachtlokal. Die fortschreitende Gentrifizierung heute in Kreuzberg macht solche Fotos zu historischen Dokumenten.

In Hamburg ist die Werftarbeit bei Blohm+Voss zu sehen. Demonstranten stellen sich auf dem Hansaplatz im Stadtteil St. Georg gegen das Ausländergesetz. Denn noch akzeptierte die Politik nicht, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Çagatays Fotografien belegen dies bereits für das Jahr 1990.

Die Ausstellung wird 2022 in Hamburg und 2022/23 in Berlin gezeigt. Danach gibt es Stationen in Istanbul, Ankara, Izmir und andernorts. In der Türkei gibt es das Sprichwort, dass jede Familie Verwandte in Deutschland hat.

Bis 31. Oktober; täglich 10 – 18 Uhr; Katalog in der Edition Braus Verlag 29,95 Euro; Tel. 0201/24681 444; www.ruhrmuseum.de

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