Das Ruhrmuseum Essen zeigt Ruhrgebietsfotos von Chargesheimer

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Kinderspiele fotografierte im Ruhrgebiet – zu sehen im Essener Ruhrmuseum. Chargesheimer

Von Ralf Stiftel ESSEN - Man hört es richtig, wie der Junge sein Holzgewehr knallen lässt: „Bchch“, und zurückschießt. Schließlich hat Chargesheimer mit seiner Kamera das Duell eröffnet. Blut fließt aber nicht. Die Bande will nur spielen. Und der Fotograf hat sein Bild aus dem Milieu. Vom lauten Lachen über die breitbeinige Imponierpose bis zur Selbstsicherheit des Langen mit der kurzen Hose ist alles da. Ein Moment des Ruhrgebiets wurde eingefroren.

Das Bild ist im Ruhrmuseum Essen zu sehen, in der Ausstellung „Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“. Mit mehr als 200 Aufnahmen erinnert die Schau an ein Buchprojekt, das 1958 für Aufruhr gesorgt hatte. Chargesheimer und Heinrich Böll waren durch das Revier gereist und hatten einen Bildband geschaffen: „Im Ruhrgebiet“. Der schon damals bekannte Schriftsteller begann mit der Feststellung: „Das Ruhrgebiet ist noch nicht entdeckt worden...“ Vor allem die Fotos forderten die Offiziellen heraus. Chargesheimer zeigte das Ruhrgebiet ungeschminkt. Die brachial in die Landschaft geklotzten Zechen, Stahlwerke, Schienen. Brachflächen, zum Teil noch nicht wieder überbaute Bombenschneisen aus dem Krieg. Staubige und menschenleere Straßen in Bergarbeitersiedlungen.

Der Oberbürgermeister von Essen, Wilhelm Nieswandt, fühlt sich für eine Region beleidigt. Wo waren die neuen Parks, die Freizeiteinrichtungen? Warum gab es keine „netten“ Motive? Auch andere Politiker äußerten sich, das Buch wurde von zahlreichen Zeitungen besprochen. Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Ruhrmuseums, sagt, der Streit um das Buch habe sogar den Tumult übertroffen, den später der „Tatort“-Kommissar Schimanski ausgelöst hat. Grütter sieht das Buch als auslösendes Moment einer bis heute weiterströmenden Flut von Veröffentlichungen über das Ruhrgebiet. Bald erschien ein Gegenband, herausgegeben vom Siedlungsverband Ruhrkohlenverband, dem Vorgänger des heutigen Regionalverbands Ruhr: „Ruhrgebiet – Porträt ohne Pathos“.

Es gab aber auch Lob für Chargesheimers Band. Und die Stadt Marl ließ sich einige Abzüge schicken, für Werbezwecke. Er war nicht der erste, der das Industrierevier fotografierte. Schon in den 1920er Jahren erschienen Bände von Heinrich Hauser und Alfred Renger-Patzsch. Aber die waren in der Zwischenzeit vergessen worden. Erst der Tumult rückte das Ruhrgebiet nachhaltig in den Fokus des Interesses.

Heutige Betrachter können die Empörung kaum nachvollziehen. Sicher: Die Kleidung der vier Jungs ist verschlissen, man sieht das Loch in der Hose, den ausgerissenen Pulloverausschnitt. Aber sprühen sie nicht vor Lebensfreude? Und so gewiss Chargesheimer viele Themen ausgelassen oder nur angerissen hat, so hatte er doch einen bemerkenswerten Blick für das Besondere. Man schaut auf diese Bilder mit einem Verlustgefühl angesichts von so viel unschuldigem Genuss des Moments.

Die Ausstellung geht über die Dokumentation eines Buchs hinaus. Chargesheimer fertigte keine Abzüge für Museen oder den Kunstmarkt an, berichtet Kuratorin Stefanie Grebe. Bei der Recherche im Nachlass fand sie nicht nur Arbeitsabzüge, sondern auch Negative. 120 Aufnahmen enthielt das Buch. 1500 hatte Chargesheimer zwischen Dortmund und Essen gemacht. So gibt es viel bislang Unbekanntes zu sehen.

Karl Heinz Hargesheimer (1924–1971), der sich später nur Chargesheimer nannte, ohne Vornamen, gehört zu den wichtigsten deutschen Nachkriegsfotografen, aber er arbeitete auch als bildender Künstler, Regisseur, Schauspieler. Bildbände wie „Unter Krahnenbäumen“ über eine Kölner Straße gehören zu den Fotoklassikern. Seine Bilder entstanden mindestens so sehr im Labor wie in der Kamera. Man sieht es zum Beispiel an Nahaufnahmen aus dem Bergbau. Das Gesicht eines Kumpels zeigt er ganz nah, in grobem Korn, eine extreme Ausschnittsvergrößerung. Bei einer anderen Aufnahme liegt die Schärfe genau auf der kohlegeschwärzten Faust am Abbauhammer, die ganze physische Wucht ist eingefangen. Chargesheimer nutzte die Palette der Möglichkeiten, seine Bilder sind ohne Kunstlicht aufgenommen. Er suchte den Kontakt zu den Fotografierten, oft sehen sie direkt in die Kamera.

Die Ausstellung bringt die Bilder in neuen Digital-Abzügen, unbeschnitten und heller als seinerzeit im Buch. Das ist legitim, schließlich sind auch die Vollbilder wunderbar komponiert. Man hätte sich aber ab und zu den Vergleich zur gedruckten Version gewünscht. Und Kommentare. Man erfährt nie, wo diese Straße liegt, jenes Gebäude. Chargesheimer hat seine Bilder nicht systematisch archiviert. Selbst wenn ein Negativbogen mit „Gelsenkirchen“ beschriftet war, erklärt Kuratorin Grebe, dann konnte sich das auf einige Aufnahmen beziehen – oder auch komplett falsch sein.

Die Bilder halten auch diese Verunklarung aus. Wenn Chargesheimer ein Paar beim Trinken in der Kneipe fotografiert, dann ist das wie eine Filmszene, und man hört förmlich, wie der Mann mit der Schirmmütze der Kellnerin schwerzüngig ein Kompliment macht, das sie lachen lässt. Der Blick in eine Einkaufsstraße wirkt wie eine Choreografie. Er verstand es, Symbolbilder zu arrangieren, wie die Taube, die über dem Ziegel-Reihenhaus aufflattert, oder wie den Bauern, der das Pferdegespann über den Acker führt, vor einer gewaltigen Halde. Diese großartigen Ansichten einer Region lohnen jeden Weg.

Chargesheimer – die Entdeckung des Ruhrgebiets. im Ruhrmuseum Essen.

Bis 18.1., tägl. 10 – 18 Uhr,

Tel. 0201/ 246 81 444, www.ruhrmuseum.de,

Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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