Das Ruhrmuseum in Essen dokumentiert das „Zeitalter der Kohle“

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Sieben Tonnen schwarzes Gold: Der Kohleblock steht am Anfang der Ausstellung „Zeitalter der Kohle“ in Essen.

ESSEN - Gleich am Anfang sieht der Besucher, worum es geht: Ein wuchtiger schwarzer Würfel von 1,60 Meter Kantenlänge ist zwischen grünen Farnen aufgebaut. Es ist wahrscheinlich das größte Kohlestück der Welt, 2016 von Hand abgebaut im Bergwerk Prosper-Haniel.

Ende des Jahres schließt diese Zeche in Bottrop. Deutschland hat sich dann vom Steinkohleabbau verabschiedet. In den Museen des Ruhrgebiets aber lebt er fort. Den Anfang setzen von heute an das Ruhrmuseum in Essen und das Deutsche Bergbau-Museum Bochum in der gemeinsamen Ausstellung „Das Zeitalter der Kohle“ in der Mischanlage der Kokerei Zollverein. Der Rückblick auf 200 Jahre zeigt, wie sehr die Kohle eben auch die Kultur geprägt hat.

Dabei weiten die Kuratoren Franz-Josef Brüggemeier, Michael Farrenkopf und Heinrich Theodor Grütter den Blick auf Europa. Die letzte Blüte der Kohle-Ära lag in der Nachkriegszeit. Europa lag in Trümmern und brauchte für den Wiederaufbau Energie. Schön zeigen das Plakate, die um Bergleute werben: In Frankreich, Deutschland, England. Am Ende schlossen sich die einstigen Kriegsgegner Frankreich und Deutschland zusammen und gründeten die Montanunion mit zunächst sechs Staaten. Der Vertrag vom 18. April 1951 war Grundstein für die heutige Europäische Union. In Essen ist das Original ausgestellt.

Es ist eine überwältigende Schau, mit 1200 Objekten, zum Teil in hinreißenden Schauräumen arrangiert. Man beginnt im obersten Stock der Mischanlage und bewegt sich nach unten, fast wie einst die Bergleute. Im obersten Stockwerk ist die eigentliche Kohlegewinnung dargestellt, die Werkzeuge und Maschinen, dokumentarische Fotos, Modelle. Man sieht Förderwagen, Abbauhämmer, Schaufeln, Grubenlampen, Alu-Kaffeepullen. Die Arbeit war hart und gefährlich. Selbst ein Stahlstempel wurde unter der Last des Gesteins geknickt. Immer wieder gab es Unglücke, und man entwickelte spezialisierte Rettungsgeräte wie die „Dahlbusch-Bombe“, eine schlange Metallhülse, mit der ein Bergmann durch enge Bohrlöcher geborgen werden konnte. Der Hauer Fritz Wienpahl hatte 1930 so etwas noch nicht. Als er auf der Zeche Victor in Castrop-Rauxel verschüttet wurde, konnte man ihn über einen Schlauch mit Wasser, Milch und Brühe versorgen, bis er nach 183 Stunden gerettet wurde. Die Flüssigkeiten trank er aus seinem Schuh, der in der Schau zu sehen ist. Auch andere Gefahren sind dargestellt, zum Beispiel das Präparat einer Silokoselunge.

Eine Etage tiefer geht es um den Fortschritt durch die Kohle. Sie sorgte ja nicht nur dafür, dass der Küppersbusch-Ofen in der Wohnküche für Wärme und Essen sorgte. Mit ihr wurde der Stahl produziert, der zum Beispiel als Schiene die Wege durch Europa verkürzte. Eine französische Wandtapete (um 1840) bildet auf 14 Metern Länge den Weg von Lyon nach St. Étienne ab. Auch der Alltag wurde verändert. Vor allem wurde er heller: Mit Gas aus der Kokerei strahlten Straßenlaternen, die in einem Raum arrangiert wurden. Mit Kohle wurde der Kautschuk zum Gummi veredelt. Aus dem Teer, eigentlich einem Abfallstoff, gewann man bis dahin unbekannte Farbstoffe: Eine spektakuläre Wand füllen 3000 Flaschen mit Pigmenten. Medikamente wurden aus dem schwarzen Rohstoff ebenso gewonnen wie frühe Kunststoffe: In Vitrinen reihen sich Design-Klassiker der 1930er Jahre aus Bakelit: eine Uhr, ein Füllfederhalter, ein Radio, ein Telefon, sogar eine Perlenkette. Die Kohle war natürlich kriegswichtig, was zum Beispiel Propagandaplakate aus der NS-Zeit und das Sandsteinrelief „Bergmann, Soldat, Hüttenmann“ (1938/39) von Georg Friedrich Hartje und Alois Pendl zeigen.

Man geht an einer Wand mit den Porträts von „Kohlenbaronen“ vorüber, vor denen prachtvolle Tafelaufsätze und Pokale arrangiert wurden, repräsentativer Nippes, der den Reichtum ausstellen sollte. Den Arbeitern ging es nicht so gut, Fotos erinnern an Arbeitskämpfe. Die Solidarität in Gewerkschaften und Vereinen wird dokumentiert, zum Beispiel in prachtvollen Fahnen wie der des Hellweger Knappenvereins Unna (1912). Der Bergbau führte zu ersten Migrationsschüben, Arbeiter aus Polen und Italien kamen in die Kohleregionen. Ein polnischer Bergarbeiter nahm sein Akkordeon mit nach Nordfrankreich, nun ist es in Essen ausgestellt. Als Schalke 04 deutscher Fußballmeister wurde 1934, da frohlockte die polnische Presse, und deutsche Zeitungen betonten, dass alle Spieler echte deutsche Jungs seien.

Am Ende der Schau stehen der mehr als 50-jährige Niedergang des Bergbaus und die Zukunftsperspektiven. 1958 wurde die erste deutsche Zeche geschlossen. Obwohl die Förderung immer unrentabler wurde durch billigere Importkohle, aber auch durch neue Energiequellen, gab es Proteste und immer neue Kampagnen der Gewerkschaften und der Bergbaufirmen für „Unsere grüne Kohle“. Die Schau nimmt das in den Blick ebenso wie die erheblichen Umweltbelastungen durch die Kohle. Schon um 1960 gab es erste Proteste gegen die Luftverschmutzung, ausgestellt ist eine Hochvakuumwaage zur Ermittlung von Feinstaubpartikeln von 1955. Saurer Regen und Waldsterben sind Stichworte der 1980er Jahre, greifbar gemacht etwa an einer verwitterten Skulptur von Schloss Horst in Gelsenkirchen. Aber auch der Neustart wird betrachtet, Industriekultur und die Renaturierung von Halden und Gewässern.

Eine überzeugende Bilanz, weil Fortschritte und Folgeschäden klug und sachlich abgewogen werden.

Bis 11.11., tägl. 10 – 18 Uhr,

Tel. 0201/ 2468 1444,

www.zeitalterderkohle.de,

Katalog, Klartext Verlag, Essen, 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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