Ruhrgebietstheater von Einsparungen bedroht

ESSEN – Die Kulturhauptstadt blüht gerade auf mit prachtvollen Ausstellungen und großen Theaterereignissen. Doch während Besucher und Kritiker entzückt sind, fassen die beteiligten Städte, von denen viele pleite sind, Sparbeschlüsse, die einen radikalen Kulturabbau zur Folge haben. Von Ralf Stiftel

Jüngstes Beispiel: In Essen protestieren die Mitarbeiter der Theater und Philharmonie GmbH (TUP) gegen die Pläne des Kämmerers Lars Martin Klieve. Der schreibt in seinem Entwurf, dass er bis 2013 den Etat des Vier-Sparten-Betriebs um rund 7 Millionen Euro von 44,9 auf dann 37,8 Millionen kürzen will. Adil Laraki, Betriebsratsvorsitzender der TUP, rechnet dagegen anders. Schon die 44,9 Millionen Euro bedeuteten eine Einsparung, denn eigentlich stünden den Bühnen zur Zeit 49,5 Millionen Euro zu. Der Betrieb habe in einer Vereinbarung mit der Stadt Einsparungen von 4 Millionen zugesagt. Wenn nun der Kämmerer den Betrag, der als Zielpunkt vereinbart sei, als Startpunkt weiterer Abstriche nehme, dann werde das Theater kaputtgespart. Tatsächlich würden der Bühne die vereinbarten 4, dazu nun mehr als 7 Millionen Euro abgenommen, hinzu kämen Einnahmeverluste von mindestens 2 Millionen, weil mit weniger Geld auch weniger Programm zu gestalten sei. Dann müssten entweder Schauspiel, Ballett und Philharmonie oder aber die Aalto-Oper geschlossen werden.

Kämmerer Klieve sagt: „Wir kommen um Einschnitte nicht herum.“ 300 Millionen Euro fehlen der Stadt in diesem Jahr, sie droht, ihre Handlungsfähigkeit zu verlieren. So wie das benachbarte Oberhausen, das mit 1,8 Milliarden Euro verschuldet ist, mehr, als das Vermögen der Stadt beträgt. Das Theater der Stadt spart bereits: Der städtische Zuschuss wurde von 8 Millionen auf 7,3 Millionen Euro gekürzt, berichtet Intendant Peter Carp. Ab 2011 soll das Haus zusätzlich eine Million einsparen. „Das geht an die Substanz“, meint Carp. Man könne dann nicht mehr auf dem momentanen Niveau spielen. „Es ist fraglich, ob wir dann noch die Menschen erreichen“, sagt Carp. An dem Punkt könne man das Theater gleich schließen.

Carp, der sein Amt in der Spielzeit 2008/2009 antrat, tritt durchaus selbstbewusst auf. Sein Haus erntet viel Kritikerlob, und es verzeichnet 10 Prozent Zuwachs bei den Besucherzahlen. „Wir Künstler werden uns schon retten“, sagt er, aber die Stadt drohe zu einem Ghetto der Verlierer zu werden. Das Theater bekomme auch Rückendeckung von den Politikern.

Noch dramatischer ist die Situation für das Schlosstheater in Moers, das kleinste Stadttheater in Deutschland. Intendant Ulrich Greb stemmt mit fünf Schauspielern (bei 21,8 Stellen) rund 400 Veranstaltungen im Jahr. Doch nun soll er jedes Jahr 5 Prozent vom städtischen Zuschuss einsparen, derzeit 1,7 Millionen Euro. Im Jahr 2014 würden die Einsparungen auf 30 Prozent des jetzigen Etats ansteigen. Schon mit den aktuellen Kürzungen könne er in der Spielzeit 2010/2011 keine Neuproduktion herausbringen, sagt Greb. Dabei wird das Haus besonders für seine sozialen Projekte gelobt, zum Beispiel für engagiertes Kindertheater und für Projekte mit Senioren. Und gerade erst haben die Schauspielbühnen mit der „Odyssee Europa“ bewiesen, welche Kräfte die Vielfalt der Stadttheater im Ruhrgebiet freisetzen kann. Die Resonanz ist überwältigend – während der Düsseldorfer Regierungspräsident Jürgen Büssow vorschlägt, die Moerser könnten ja nach Krefeld oder Duisburg ins Theater fahren.

Was die Situation besonders schmerzlich macht: Der Kulturetat übersteigt in keiner Stadt ein Prozent des Haushalts. Selbst die sofortige Schließung des Moerser Theaters würde den Schuldenberg (rund 45 Millionen) nicht merklich abtragen. Aber der Schaden ist erheblich und dauerhaft. Es braucht Mut bei den Beteiligten, unterstreicht Greb, langfristig zu denken und die Substanz nicht zu gefährden. „Was einmal weg ist, ist weg. Selbst wenn 2014 die Krise vorbei ist, gründet hier keiner mehr ein Theater neu.“

Quelle: wa.de

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