Ruhrgebietsfotos von Bernd Langmack und Haiko Hebig

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Nebeneinander mit den Hochöfen in Duisburg-Bruckhausen: Bernd Langmacks Foto „Moschee“ (2010), zu sehen in der Mülheimer Ausstellung. ▪

Von Annette Kiehl ▪ MÜLHEIM–Eine verrußte Hausfassade, die Fensterscheiben sind eingeschlagen und mit Brettern verrammelt. Ein Aufkleber fasst die Botschaft dieses Gebäudes zusammen, das kurz vor dem Abriss steht: „Lebe wohl“. Der Fotograf Bernd Langmack hat die Lebenssituation in Duisburg-Bruckhausen porträtiert: Der Thyssen-Krupp-Hochofen bestimmt hier das Straßenbild, er ragt hinter Häusern, Tankstellen und Straßenkreuzungen empor. Selbst wenn der Stahlkoloss nicht zu sehen ist, bleibt die Schwerindustrie auf den Fotos stets spürbar.

Ein gelb getünchter Wohnblock mit kleinem Spielplatz davor atmet die Atmosphäre des durch die Industrie gewordenen Ruhrgebietes: Er bietet Arbeitern und Angestellten mit ihren Familien günstigen Wohnraum in der Nähe des Werks. Zweckmäßig und bescheiden. Nun, so informiert die Bildunterschrift, ist das Mietshaus ein Abrisshaus, denn die reduzierte Belegschaft des Hüttenwerks braucht nicht mehr so viele Wohnungen. Bald soll an der Kaiser-Wilhelm-Straße ein Grüngürtel die Lebensqualität steigern.

Während Bernd Langmack einen durch die Stahlproduktion bestimmten Stadtteil abbildet, richtet der Fotograf Haiko Hebig die Aufmerksamkeit auf die Leerstellen, die die schwindende Industrie in Dortmund hinterlassen hat: Brachen ohne sichtbare Bestimmung und Nutzen, riesige Parkplätze, das noch weitgehend leerstehende Gelände des Phoenixsees in Hörde.

Die Industrie formt das Leben im Ruhrgebiet, so zeigen die beiden Fotografen mit ihrem Projekt „Stahl + Stadt“. Selbst dort, wo sie längst verschwunden ist oder weggeredet wurde. Eine Ausstellung der Bilder im Kunstmuseum Mülheim und der Fotoband „Stahl + Stadt“ sollen „Ansichten über die Wirklichkeit des Ruhrgebietes“ zeigen. Damit positioniert sich „Stahl + Stadt“ deutlich gegen Werbebilder und Kampagnen, die ein strukturgewandeltes und kultiges Ruhrgebiet zeigen.

„Im Anfang war die Zeche und um die Zeche wuchs die Siedlung“, schrieb Heinrich Hauser 1930 im Ruhrgebietsklassiker „Schwarzes Revier“. Die Produktion von Kohle und Stahl bestimmte die Stadtplanung und die Verhältnisse in der Region. Diese Abhängigkeit rufen die Bilder von Langmack und Hebig ins Bewusstsein.

Ein Foto aus dem Inneren des Duisburger Hüttenwerks zeigt die Größe und Gewalt des Hochofens: Aus einem riesigen Behälter ergießt sich der glühende Stahl, erzeugt eine gleißende Helligkeit, sprüht Funken. Die Industrie ist mächtiger als der Mensch, mag man aus diesem Bild lesen. Eine Panoramaaufnahme des Werks, das einen langen Abschnitt des Rheinufers einnimmt, verdeutlicht die Dominanz über die dahinter liegende Siedlung: Erst der Stahl, dann die Stadt.

Auf der östlichen Seite des Ruhrgebietes hat Haiko Hebig dokumentiert, wie es aussieht, wenn die Industrie nicht mehr steht, aber die Infrastruktur bleibt. Keine andere Stadt in der Region war so stark von Strukturbrüchen betroffen wie Dortmund: Nachdem die Anlagen der Stahl- und Koksproduktion geschlossen, abgebaut und nach China verschifft wurden, blieben große Flächen. Wie geht eine Stadt mit der neuen Leere um?

Der in Dortmund lebende Fotograf thematisiert diese Frage offensiv, indem er die Brachen und die Versuche einer neuen Nutzung in den Mittelpunkt seiner Arbeiten stellt. So sieht man ein Riesenrad, das trotz seiner Größe seltsam verloren auf einer riesigen Schotterfläche, dem ehemaligen Standort des Hochofens Phoenix 3, steht. Menschen sind in dieser Szene nicht zu sehen. Es ist ein unwirtlicher Ort.

Bis 4.3., di – fr 11 – 17, do bis 21, sa, so 10 – 17 Uhr, Tel. 0208 / 4554171, http://www.kunstmuseum-mh.de

Fotoband, Klartext Verlag, Essen, 14,95 Euro

Quelle: wa.de

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