Ruhrfestspiele zeigen Goschs „Onkel Wanja“

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Ohne Liebe: Wanja (Ulrich Matthes) und Jelena Andrejewna (Constanze Becker) in der Gosch-Inszenierung „Onkel Wanja“, die in Recklinghausen gezeigt wurde. ▪

Von Achim Lettmann ▪ RECKLINGHAUSEN–Still ist es, sehr still – nachdem Wanja erkennen muss, dass Jelena Andrejewna nichts von ihm wissen will. Beide lehnen sich an die erdfarbene Wand, die Teil eines großen Kastens ist, der alles umschließt (Bühne: Johannes Schütz). Sie sind erschöpft, verharren dort, nebeneinander – ohne innere Nähe. Zwei Menschen, die sich ihrer eigenen Empfindungen bewusst sind und gewahr werden, was sie bedeuten – wie beim ersten Mal, ohne Happyend. Das fühlt sich bedrückend an, ist aber unausweichlich.

Für diese Intensität wurde die Tschechow-Inszenierung 2008 zum Stück des Jahres von der Zeitschrift „theater heute“ gekürt. Die Ruhrfestspiele mit ihrem Russland-Schwerpunkt holen Jürgen Goschs „Onkel Wanja“ vom Deutschen Theater Berlin nach Recklinghausen. Und das Publikum erlebt einen Abend, der tief nachklingt.

Das Drama um Menschen in der Provinz, die sich ihrer Emotionen bewusst werden, aber zu schwach sind, um daraus das Glück zu formen, ist ein Klassiker des modernen Theaters. Der Regisseur Jürgen Gosch (1943– 2009) macht daraus ein einfaches Spiel situativer Selbstentdeckungen. Sonja (Meike Droste) zum Beispiel, Wanjas Nichte, wendet sich dem Arzt mit dem tapsigen Mut eines Mädchens zu. Dabei trifft sie auf einen Mann, der gar nicht in der Provinz sein will und nur noch wegen Jelena Andrejewna auf dem Landgut erscheint. Jens Harzer dreht den Schnurrbartträger ins Selbstgefällige. Mit helltönendem Sprechduktus macht er Eindruck, wirbt für sein Naturverständnis, obwohl ihm klar ist, dass seine Initiative nicht mehr zeitgemäß ist. Auch er muss erfahren, dass seine Liebe nicht erwidert wird. Obwohl ihm Jelena Andrejewna beim Abschied ihre Zuneigung gesteht, innige Handküsse und seinen Po-Griff zulässt. Letztlich wendet sie sich ihrem Mann, dem alten Professor, zu.

Dass die Vergeblichkeit viele Figuren im Stück beherrscht, führt in Goschs Inszenierung nicht zur bleischweren Melancholie, die als russisches Seelengut oft beschrieben wird. Ganz im Gegenteil verströmt „Onkel Wanja“ eine Wahrhaftigkeit, wie sie auf den Bühnen selten geworden ist. Constanze Becker als Jelena verbirgt ihre Schwäche, sich für den Richtigen zu entscheiden, wie eine kopflose Strömung in sich. Wanja selbst, den Ulrich Matthes gutmütig und widersetzlich zeigt, berappelt sich nach der Erfahrung von Undank und Liebesnot. Auf den Professor, den Christian Grashof in einer clownesken Balancenummer mit Krückstock bloßstellt, schießt er ungenau, bevor jeder Tag wieder ins provinzielle Ritual versinkt. Stillstand.

Gosch hat Tschechows Figuren eine Komik gegeben, die von zeitlosen Liebesenttäuschungen angestrahlt wird. Ein bisschen Selbstironie wirkt da milde und wärmt das ganze Spiel im Erdkasten. Wundervoll.

Quelle: wa.de

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