Ruhrfestspiele zeigen „Der Meister und Margarita“

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Verzweifelte Liebe: Szene aus „Der Meister und Margarita“ mit Pau Rhys (links) und Sinéad Matthews. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ RECKLINGHAUSEN–Satan trägt einen schwarzen Mantel, Baskenmütze, dunkle Brille und Stahlzähne. Und er nuschelt mit deutschem Akzent in Simon McBurneys Bühnenfassung von Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“. Als Professor Voland sucht er das Moskau der 1930er Jahre mit schwarzer Magie heim. Ein Hohn auf den Fortschrittsoptimismus im jungen kommunistischen Staat: Was sind schon Straßenbahnen, Automobile und Telefon gegen Flugsalbe und Hellseherei?

Das Buch, unzensiert erst 1973 erschienen, reizt offenbar Theatermacher. Vor einigen Monaten hatte eine Version in Dortmund Premiere. Nun gastiert das Londoner Complicite Ensemble mit seiner opulenten Version bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Die Aufführung im Großen Haus ist ein grandioser Bilderrausch, und obwohl die Geschichte kompliziert ist und in englischer Sprache fast dreieinhalb Stunden gespielt wird (mit Übertitelung), gibt es keine langweilige Minute.

Es liegt an einer handwerklichen Virtuosität, die ganz leichtfüßig daherkommt. McBurney bewegt seine 16 Darsteller wie eine Balletttruppe, aus der sich Szene für Szene Solisten lösen, in eine Rolle treten, um wieder im Kollektiv aufzugehen und vielleicht einen Stuhl von der Bühne zu nehmen. Umbauten erfolgen in Sekundenschnelle und ohne Zeitverlust, dann spricht vielleicht gerade ein Erzähler.

Bulgakows Roman fasziniert, weil er aktuelle Satire mit literarischer Tradition und Religion vermischt. Der Meister ist ein genialer Schriftsteller, der einen Roman über die letzten Tage im Leben Jesu geschrieben, aber auch den eigenen Namen vergessen hat. Margarita ist eine verheiratete Frau, die sich in ihn verliebt. Der Meister ist in die Mühle der stalinistischen Literaturbürokratie geraten, sitzt im Irrenhaus. Wir erleben die verzweifelte Liebesgeschichte, das tolle Treiben des Teufels in der Stadt einschließlich eines Walpurgisnacht-Balls, den Prozess Jesu, wobei der Evangelist Levi Matthäus zugibt, die Auferstehung erfunden zu haben. Es gibt sogar eine Art Happy End, einen höllischen Frieden für das Liebespaar.

Das ist gewaltiger Stoff, den die 16 Darsteller mit Verve bewältigen. Sie spielen viel mit Video. Auf der Bühnenrückwand scheinen Szenen auf, Blutspritzer zum Beispiel oder auch ein Stadtplan von Moskau, in den der Blick stürzt wie im Kino. Der Literaturfunktionär Berlioz wird von der Straßenbahn enthauptet, wie Voland es prophezeite. Später spricht er beim Teufelsball, und da wird das Gesicht des Darstellers auf einen Kopfdummy projiziert. Wenn Margarita zur Hexe wird, kriecht Sinéad Matthews einfach über den Boden, die Kamera lässt ihr Bild über die Wand schießen wie die Superheldin aus einem Actionfilm.

Es geht aber auch einfach, mit menschlichem Einsatz. Zwei Stühle, eine Gruppe Menschen – und schon sitzen zwei in der Straßenbahn. Notfalls werden Möbel gespielt: Eine Schauspielerin und ein Stab genügen, um ein Fenster auf die Bühne zu bringen. Der Kater Behemoth, Volands höllischer Helfer, wird als Marionette von zwei Spielern geführt, und obwohl alles offen geschieht, wirkt die Mördermieze nie wie ein Fremdkörper.

Dabei nimmt McBurney den Stoff viel realistischer, psychologischer als zum Beispiel Kay Voges bei seiner satirischen Rockoper in Dortmund. Das Dissidententum des Meisters, der Konflikt mit einer kleingeistigen Ideologie, das Drama einer ungelebten Liebe – das alles wird wunderbar sensibel dargestellt. Und die Inszenierung lässt immer offen, ob alles hier geschieht oder doch nur Traum eines Wahnsinnigen ist. Dass Paul Rhys sich in drei, vier Schritten aus dem sinistren Teufel in den fiebrigen Meister verwandelt, ist dabei eher das Sahnehäubchen. Grandios ist er, weil er sich beide Rollen anverleibt, beängstigend kalt als Voland, ergreifend leidend als verkanntes Genie. Ein Festival-Höhepunkt.

Der Meister und Margarita bei den Ruhrfestspielen, 15., 16.6.,

Tel. 02361/92 180

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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