Ruhrfestspiele: „Opferung des Gorge Mastromas“

RECKLINGHAUSEN ▪ Dieser Mann ein Opfer? Aber nein! Gorge Mastromas ist ein Alphatier, ein Siegertyp, der bekommt, was er will. Obwohl, das war nicht immer so. Von Carmen Möller-Sendler

Wie das war mit dem kleinen Gorge (Isaak Dentler), der unspektakulär gezeugt wurde und ebenso aufwuchs, der sich in der Rangordnung stets „im oberen Drittel der unteren Hälfte“ wiederfand und auch als junger Mann im Zweifel stets die moralischere von zwei Lösungen wählt, davon erzählt in Recklinghausen Pete. Torben Kessler gibt bei der Uraufführung im Rahmen der Ruhrfestspiele den Erzähler mit beweglicher Lebendigkeit; man merkt kaum, dass weite Strecken des neuen Dennis Kelly-Stückes „Die Opferung von Gorge Mastromas“ ein reiner, überaus unterhaltsamer Monolog sind.

Leichtfüßig, fast beiläufig springt er mitten in die Handlung, hält die Geschichte an und erzählt sie selbst weiter. Liefert Hintergründe, kommentiert, interpretiert und erklärt, immer ans Publikum gewandt, wie es kam, dass aus dem Verlierer ein Monster wurde, das andere zu Opfern macht.

Man ist mitten in einer Firmen-Abwicklung, als die hartgesottene Karrierefrau A – mit stählerner Glattheit gespielt von Katja Uffelmann – Gorge anbietet, sich auf ihre Seite zu schlagen. Die Regeln: sich nehmen, was man will, mit absolutem Willen und der Fähigkeit, aus tiefstem Herzen zu lügen, nie an das Ergebnis denken, nichts bereuen und immer damit rechnen, dass man auffliegt – ein Erfolgsrezept, das aufgeht für Gorge, den Isaak Dentler mit geschäftsmäßiger Sachlichkeit gibt.

Er wird ein richtig mieser Kerl und macht prompt steile Karriere. Selbst seine Frau Louisa (die zarte Sandra Gerling spielt sie mit bodenständiger Natürlichkeit) hat er nur durch einen gerissenen, menschenverachtenden Trick erobert, indem er vorgibt, er selbst sei, ebenso wie sie, als Kind missbraucht worden.

Ja, er schreibt sogar einen Bestseller über diesen fiktiven Missbrauch, und alle glauben ihm: „Die Menschen wollen belogen werden“, lässt Kelly Pete resümieren. Bis eines Tages Gorges tot geglaubter Bruder Sol – Thomas Huber im gelungenen Spagat zwischen herrlich heruntergekommenem Loser und aufrichtig Empörtem – ihn auffliegen zu lassen droht und so den Grund liefert, warum Gorge ein Ersatzteil für sein Motorrad, nach dem er zwölf Jahre gesucht hat, als Mordwaffe beseitigen muss; ein Umstand, den er sehr bedauert.

Der britische Autor Dennis Kelly, 2009 von der Zeitschrift „Theater heute“ zum besten ausländischen Dramatiker des Jahres gewählt, pflegt punktgenau den Finger in Wunden zu legen. In seinem Stück beantwortet er die Frage nach der Moral mit dem alten, einsamen, immer noch immens reichen Gorge, der in zwei völlig vollgemüllten Räumen seiner 280-Zimmer-Villa mit eigenem See haust. Selbst der gedungene Mörder, der ihn dort aufsucht, verlässt ihn angewidert: „Du bist bereits tot. Du wurdest geopfert. Dein ganzes Leben war eine Art Opfer für etwas, das unsere Welt schon lange beherrscht, etwas Falsches, etwas Finsteres, Verfaultes.“

Keine stehenden Ovationen, aber viel Respekt zollte das Publikum der Inszenierung, eine Koproduktion der Ruhrfestspiele und des Schauspiels Frankfurt. Regisseur Christoph Mehler inszeniert Kellys hintergründigen Humor mit bewusster Schlichtheit, die die großartige Textvorlage in den Mittelpunkt rückt, ebenso wie die minimale Ausstattung – ein schlichter Tisch, ein paar Stühle, die Kostüme in sachlichem Schwarz-Grau und Weiß, unterbrochen nur durch Luisas rote Pumps und Gorges Blut.

Ein genialer Einfall ist die transparente Spiegelwand, die sich über die gesamte Breite der Bühne zieht. Hinter der Wand spielt die Handlung: Geht dort das Licht an, verblasst das Spiegelbild, und die Akteure werden sichtbar. Gorge scheint mitten unter den Zuschauern zu sitzen: einer von ihnen.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare