Ruhrfestspiele: Dirk Lauckes „Alles Opfer!“ uraufgeführt

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Abgekämpft und verstört: Holger Hübner spielt einen Ex-Sänger in der Uraufführung „Alles Opfer! oder Grenzenlose Heiterkeit“ bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ RECKLINGHAUSEN–Bis zum Unfall des Reisebusses sitzen Marie, Lennert, Antonia, Martha und Torsten nebeneinander. Ihre Gespräche sind vom Tonband zu hören, das im Zelttheater der Ruhrfestspiele läuft.

Die Figuren geben sich zu erkennen, wenn ihre Stimme dran ist. So rückt Regisseur David Benjamin Brückel das Personal aus Dirk Lauckes Stück „Alles Opfer! oder Grenzenlose Heiterkeit“ langsam ans Publikum in Recklinghausen heran. Noch herrscht Distanz zwischen Dialog und Spiel; zwischen Text und (Bühnen)Wirklichkeit. Aber auf der Butterfahrt nach Schlesien werden die Profile gebrochener Biografien sichtbar – es geht um eine vielstimmige Realität, die im Westen kaum wahrgenommen wird.

Der Dramatiker Dirk Laucke, der mit seinem Bühnenrealismus schon Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung und Vereinsamung aufgriff, konturiert das Existenzgefühl der Ostdeutschen aus einem Prozess von Erkennen und Verdrängen. Dabei ist Lauckes Stärke, dass er ganz bei den Menschen und ihrer Eigenwahrnehmung bleibt. Den gesellschaftlichen Überbau lässt er beiseite. Es gibt kein Moraltheater.

Nach dem Unfall liegt Martha am Boden. Antonia hält (noch) ihre Hand. Reiseleiter Lennert will ein Feuer, Torsten sucht nach Iso-Decken. Sie kauern unterhalb einer Böschung. Die Bühne wird von grauen verschieden großen Kisten geordnet. Jeremias Böttcher schafft Rückzugsinseln und Räume für Verdrängtes. Auf einen Naturalismus aus Leichenteilen zum Busunglück wird verzichtet.

Nach dem Unfall fehlt der Sängerin Marie vor allem die Eventstruktur – und der Alkohol. Picco von Groote spielt Marie als kesse Schlagernudel, die dem organisierten Frohsinn genauso nachgibt wie der Erkenntnisschnulze „Eiszeit“, die Vater Lennert einst textete. Der Ex-Sänger und Stehauf-Manager ist die schillerndste Figur in Lauckes Figurentableau. Das seine Opern-Arien zum Dauereinsatz kamen, als die Stasi ihre Verhöre zuspitzten, ficht ihn nicht an. Pech für Antonia. Sie litt als Stasi-Opfer unter dieser Psychofolter. Nun erhält sie gut 200 Euro monatlich, aber ihre Geschiche will keiner hören. Anna-Katharina Muck gibt sie als Suchende, die Anerkennung braucht, um ihr Leben wieder anzupacken.

Oben auf sind eher so Typen wie Lennert. Er habe als IM nur die Sicherheitsorgane unterstützt. Holger Hübner spielt den Wendehals mit dicker Lippe. „Spitzelsau!“ Na und. Was ihm damals Vorteile brachte, kann er heute nicht verdammen. Er agiert immer am Rand des Legalen. Zu Ilse, die irgendwann in den Westen gegangen ist, sagt er: „Die war nicht mehr ganz knusper!“ So wird nachträglich verleumdet, was eigentlich aufgearbeitet werden müsste. Und wenn Lennerts Tochter als silberne Disco-Kugel auf die Bühne springt, reißt er die Arme hoch und spannt den Vergnügungsbogen zwischen Palast der Republik und Butterfahrt: Spaß brutal – immer gefragt.

Solche schauerlichen Einblicke gehen über die DDR hinaus. Laucke scheucht auch den Schuldkomplex aus der Nazi-Zeit auf. Martha führt in einer Urne die Asche ihres Mannes bei sich, der einst zur Windhund-Division zählte. Regisseur Brückel macht aus ihrer treudoofen Ignoranz eine groteske SS-Nummer. Mit einem Pferdesattel auf dem Rücken springt Martha aus der Kiste, und gelobt, dass sie keine Juden sondern „nur“ Zigeuner vermessen habe. Die Krankenschwester aus Glogau fühlt sich gut. Helga Werner spielt das naiv, aufrichtig wie überzeugend zugleich. Ihr gelingt eine Studie über Selbstbehalt im politischen Wandel.

Manchmal meldet sich die Radioanlage des Unfallbusses zu Wort. Wie aus dem Nichts sorgen SED-Parolen für Schreckzustände. Es sind Alpträume aus der Vergangenheit. Torsten, der früh in den Westen ging, fordert Aufarbeitung von seinen Landsleuten. Aber Sascha Göpel lässt die Figur nach bissigen Fragen überdrehen und haltlos rotieren. „Wen interessiert die Vergangenheit“ ist zu hören. Probleme gibt es genug, dass weiß ja auch jeder – sogar im Westen.

Das Stück

Am letzten Wochenende der Ruhrfestspiele schließt „Alles Opfer! oder Grenzenlose Heiterkeit“ die Reihe der Uraufführungen in Recklinghausen. In Kooperation mit dem Staatsschauspiel Dresden entstand das Stück von Dirk Laucke, das ab 17. September an der Dresdener Bühne gezeigt wird.

Quelle: wa.de

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