Ruhr Museum Essen zeigt Fotoarchiv „Von A bis Z“ als Teil seiner Sammlungen

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Bukolische Landschaft: Ludwig Windstossers „Blick auf die Ruhr, Hattingen, undatiert“. ▪

Von Achim Lettmann–ESSEN ▪ Nach dem Kulturhauptstadtjahr sortiert das neue Ruhr Museum in Essen sein Programm. Auch Sonderausstellungen demonstrieren, was das Haus an eigenen Sammlungen zu bieten hat. Neben Geologie, Archäologie, Mineralogie und Geschichte ist die Fotografie ein Pfund, mit dem Direktor Ulrich Borsdorf wuchern kann. Zum Auftakt der großen Bestandspräsentation wird das Fotoarchiv der Stiftung Ruhr Museum in zwei Teilen ausgebreitet („Von A bis Z“). Die Ausstellungsfolge der fünf Sammlungen geht insgesamt über sechs Jahre.

Der erste Teil zum Fotografischen Archiv des Ruhr Museums geht „von A bis I“, wie Inszenierung. Bei der Auswahl der 300 Fotografien (1844 bis 2000) soll auch das gewandelte Verständnis vom Lichtbild vermittelt werden. Die Fotografie ist nunmehr als Bildträger von Inszenierungen ausgemacht. Bisher galt, die Fotografie bildet die Realität ab – gerade historisches Material wurde so bewertet.

In der Ausstellung wird die „Inszenierung“ offenkundig, wo ein Messestand der Ruhrkohlen-Beratung GmbH aus den 50er Jahren zu sehen ist. Hier lässt sich leicht erkennen, dass eine zentrale Kohlenheizung fürs Wohnhaus mit farbigen Illustrationen beworben wird. Davor finden sich in der Ausstellung „Geschichtsbilder“, die eben nicht nur Zeitzeugen sind und dokumentieren. Vor allem die Beispiele zu „Typologien“ demonstrieren, wie Fotografien gerade Politiker ins positive Bild rücken und inszenieren. Ob John F. Kennedy, Theodor Heuss, Adolf Hitler oder Reichspräsident Hindenburg – sie werden gefeiert. Auch die Fotografie von Peter Klee „Angriff Möhnetalsperre 16./17. Mai 1943, Neheim“ schafft ein Geschichtsbild. Es zeigt die Verwüstungen der Flutwelle, nämlich weggeschwemmte Häuser, Holzstämme und eine Katastrophenlandschaft. Das Foto ist aber nur ein Ausschnitt zur Geschichte des Weltkriegs.

Der Zugriff auf ein Fotoarchiv von insgesamt 2,5 Millionen Bildern demonstriert, dass es nicht nur um Ruhrgebietsfotos geht. In den Sammlungen finden sich Schnappschüsse aus Indien und Vietnam, aus Düsseldorf und Wuppertal. Auch die Initiativen der Mitarbeiter um Sigrid Schneider werden sichtbar gemacht. Die Leiterin des Fotoarchivs der Stiftung Ruhr Museum erklärt, wie die Negativstreifen und Fotoplatten ins Museum kamen. In einer Vitrine sind die Kartons von Manfred Nolte zu sehen, der seine Filme in Aktenordnern deponiert hatte. Hugo Steck verwahrte seine Glas-Diapositive in einer Zigarrenkiste. Solche „Lieferungen“ werden im Museum gesichtet, mitunter belichtet („Reprints“) und verwahrt. Das ist die Arbeit der Wissenschaftler. Und dass diese Aufgabe auch Spaß macht, wird unter dem Begriff „Ausschuss“ summiert. Hier finden sich Bilder, die nichts geworden sind oder den Fotografen dienten, die Funktion ihrer Kameras und den Transport der Filme zu überprüfen. Folglich gibt es viele Fotografenschuhe aus der analogen Zeit des Lichtbilds.

Für Ulrich Borsdorf, der seine letzte Ausstellung als Direktor des Ruhr Museums verantwortet, sind „Erinnerung und Fotografie ein Amalgam der Erkenntnis“. Wie war das noch damals, als sich die Menschen den Schäden des Weltkriegs stellten und langsam wieder Hoffnung schöpften. Eins der populärsten Bilder ist „Familie Michael Rombach“ (1956), das ein Kind in der Zinkwanne zeigt.

Nicht minder eindrucksvoll porträtierte Willy van Heekern den „Ersten Schultag, Essen, 1937“. Die braven Schülerinnen zeigen alle auf. Heekern zählt zu den großen Ruhrgebietsreportern. Weitere namhafte Fotografen sind zu finden, wie Albert Renger-Patzsch, Timm Rautert, Brigitte Kraemer. Auch Bernd und Hilla Becher, die Begründer der Düsseldorfer Schule, hatten 1965 in ihre Typologie der Industriebauten den Wasserturm in Dortmund-Dorstfeld aufgenommen. Ruth Hallensleben lichtete 1966 Artikel der Gizeh-Werke in Bergneustadt ab: Blättchen für Zigaretten und mehr. Produkte ließ auch die co op AG ins farbige Licht rücken. Oft blieb aber der Werbefotograf ungenannt.

Neben der Liebe zu den Menschen im Revier ist unter dem Begriff „Landschaft“ auch das Heimatgefühl verewigt. Ludwig Windstossers „Blick auf die Ruhr, Hattingen, undatiert“ ist so eine Träumerei in Schwarzweiß. Kitschig, aber doch schön. Und natürlich sind bei der Ausstellung „Von A bis Z“ die Anfänge der Fotografie ganz wichtig. 1844 entstand das älteste Bild der Sammlung und um 1897 blickte Ernst Flügge mit Stolz in die Rottstraße Essens – in Duoton.

Die Schau

Was uns die Fotos sagen! Ein lohnender Blick in die größte Fotosammlung Deutschlands, die einem Museum zugeordnet ist.

Von A bis Z. Fotoarchiv der Stiftung Ruhr Museum, Teil eins, im Ruhrmuseum Essen, Galerie auf der 21 Meter-Ebene. Bis 10. Juni 2012. Täglich 10 bis 18 Uhr. Katalog in vorbereitung. Tel. 0201 / 8845 200

http://www.ruhrmuseum.de

Quelle: wa.de

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