„Rote Erde“ am Schauspiel Essen ist wuchtiges wie politisches Theater

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Wut und Rache: Bruno (Krunoslav Šebrek) erwürgt den Steiger (Rezo Tschchikwischwili) in „Rote Erde“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Sie sind viele. Sie stehen im Essener Grillo Theater und sprechen über den Arbeitsmarkt. „Für Ü 25 wird nichts mehr getan“ heißt es zu den Maßnahmen vom Amt. Andere verlieren den Job, weil er schon anderen versprochen war. Lügen, Zeitarbeit, Perspektivlosigkeit sind eben kein Einzelfall – Ausbeutung wird von einem Chor junger Schauspieler deklamiert. Ihre Texte stammen von Arbeitslosen und Jugendlichen. Das macht hellhörig, denn zu Beginn der Inszenierung „Rote Erde“ kommen Existenzprobleme wie eine menschliche Woge auf einen zu.

In Essen wird programmatisches Theater geboten, wie es hierzulande selten zu sehen ist. Regisseur Volker Lösch hat etwas zu sagen und greift die Misere unserer Tage auf, in dem er sie mit einem Kapitel Arbeitergeschichte aus dem Kaiserreich verbindet. Das ist kühn, denn die TV-Serie „Rote Erde“ (1983) nach dem Roman von Peter Stripp ist Arbeitskampf und Klassenidentität pur, ein Stück Historie. Die Klammer von gestern und heute ist das Ruhrgebiet, wo beides spielt und die Theaterfassung von „Rote Erde“ (Beate Seidel/Volker Lösch) unter die Haut geht.

Bruno Kruska kommt aus Pommern und will auf einer Zeche im Ruhrgebiet anfangen. Krunoslav Šebrek spielt ihn hungrig auf Arbeit und gierig nach Anerkennung. Kräftig ist er, muskulös, aber nur in der TV-Serie eine erzählte Person. Am Theater fügt er sich in die Masse der Arbeitssuchenden, die vom Hauer lernen. Ein Eimer mit schwarzer Farbe geht auf der Bühne rum, so geht Bergmann im Theater, so rücken sie unter Tage zusammen.

Regisseur Volker Lösch bedient den Mythos Ruhrpott, wenn die jungen Darsteller im Rauchschwaden Brikettpakete vor sich herschieben. Harte, quälend schöne Bilder sind das in Essen, die auf der weiten Bühne von Carola Reuther wie Choreografien in Schwarz wirken.

Dass die „Polacken“ im Bergbau des 19. Jahrhunderts die Löhne drückten, wird als frühe Globalisierungslüge hergenommen, um zu zeigen, dass auch heute die Konkurrenten andernorts vom Kapital instrumentalisiert werden, um bei uns die Arbeit zu verbilligen. „Du stehst immer unter Druck“, sagt ein 400-Euro-Jobber. Dass solche Querverbindungen funktionieren, liegt an dem Tempo und der Wucht der Inszenierung. Chorleiter Bernd Freytag hat eine homogene Gruppe geformt, die malochen will, ehrlichen Lohn und Zukunft braucht. Wie in allen Zeiten. Das Theater wirkt wie ein Aufschrei.

Der Appell macht aus „Rote Erde“ ein saftiges Bildungspaket, das man gesehen haben muss. Denn statt Ruhr-Romantik wird Klartext gesprochen. Auf Installationen im Stahlwerk und das Loblied vom tollen „Ruhri“ hat keiner Bock. Jan Pröhl spielt den alten Bergmann Bötzkes bärbeißig mit blanker Wampe. Wenn er am Tisch das Brot teilt, fliegen die Stullen, gehen Freunde für immer, wird der Lebenskampf zum Drama. Sein Monolog zur Kaufkraft auf Rentenbasis, zur Vergangenheit im Schrebergarten und den türkischen Migranten, die kaum integriert sind, ist eine Sachstandsbeschreibung, die politisch kribbelt. Das Theater in Essen kommt mächtig daher. Schluss mit den PR-Visonen von Ruhr 2010!

Aus dem Chor ragt Erna heraus, der Lisa Jopt bei jedem Handgriff eine Verzweiflung eingibt, von der emanzipierte Frauen lange erzählen könnten. Rezo Tschchikwischwili ist der Steiger, ein scharfer Tyrann, dem es an den Hals geht. Zupackend, fleischig und unerbittlich ist diese Inszenierung. Klasse!

Als Karl Boetzkes (Urs Peter Halter) im roten Anzug den doppelzüngigen SPD-Politiker zu Kaisers Zeiten abgibt, hört man im Publikum den Namen „Gerd Schröder“. Die Inszenierung „Rote Erde“ rechnet auch mit der SPD ab, die immer wieder in ihrer Geschichte gegen Arbeiterinteressen votierte. Angesichts des aktuellen Kanzlerkandidaten erhebt sich die „Rote Erde“ zum politischen Theater. Brausender Applaus.

Das Stück

Wuchtiges, mitreißendes Theater, das Fakten nennt, die politisch unbequem sind.

Rote Erde am Schauspielhaus Essen. 6., 13., 28. Oktober, 17., 29. November, 8., 29. Dezember; Tel. 0201 / 8122 200

whttp://www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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