Rossinis „Cenerentola“ in bunter Ausziehkulisse an der Oper Dortmund

Der große Märchenonkel

+
Arm, aber gut: Die „Cenerentola“ wird in Dortmund von Ileana Mateescu gesungen. Im Hintergrund: Christian Sist.

Von Edda Breski

DORTMUND - Frech oder lieblich könnte Angelina sein, das engelhafte Aschenputtel in Rossinis berühmter Opernfassung „La Cenerentola“. In Dortmund ist sie schlicht und einfach scheu, wie sie sich vortastet durch eine bonbonbunte Kulisse, hinter der ein anderer die Fäden zieht, bis sie endlich in den Armen ihres Prinzen Don Ramiro landet. In eine malerische, leicht schäbige Märchenstadt hat Regisseur Erik Petersen an der Dortmunder Oper die Geschichte vom Aschenputtel verlegt. Dass sich ein Märchen abspielt, ist schon an den Rosenfarben ersichtlich.

Petersen bringt eine harmlose Cenerentola auf die Bühne, ein farbig ausgemaltes, aber statisch dargestelltes Märchen. Zu schauen gibt es durchaus einiges. Die Straßenszene lässt sich wie ein Wunderkasten ausziehen, dahinter verbirgt sich Kurioses: Angelinas böser Stiefvater, Don Magnifico, haust in einem Zimmer, das virtuos mit geleerten Weinflaschen bestückt ist. Eine Tafel lässt sich ausfahren, aus einem Dachfenster schaut der Prinz heraus, der erst einmal seinen Diener Dandini, von Gerardo Garciacano mit Naturburschencharme gesungen, im zu engen blauen Prinzenanzug vorschickt, damit der sich die heiratswilligen Mädchen aus der Nähe anschaut. Dandini zieht unbehaglich an der knappen Hose, die bösen Schwestern umschwirren ihn mit wippenden Locken und dicken Turnüren (Kostüme und Bühne: Tatjana Ivshina).

In all der Buntheit sind die Ensembleszenen leider zu statisch. Viele Komödienelemente bleiben unterbenutzt, so wie die Wunderkastenkulisse. Ein Gully scheint eigens dafür in den Bühnenboden eingebaut, dass die Schwestern den flüchtenden Dandini herausfischen können.

Petersen hebt die Stellen, in denen eine Figur das Geschehen für sich kommentiert, durch Spotlichter hervor, aber auch sonst bewegt sich wenig an der Rampe. Eine Ausnahme ist Eugenio Leggiadri Gallani, der den Magnifico singt: Als komischer Bösewicht tänzelt er umher, lässt sich von Cenerentola im Bad abschrubben und schwingt mit Dandini, den er für den Prinzen hält, die Hanteln. Leggiadri Gallani singt routiniert, sein Meckern und Blöken, all die kleinen parodistischen Elemente, bindet er sicher in die Gesangslinie ein. Die Szenen mit ihm und seinen Töchtern Tisbe und Clorinde, den bösen Stiefschwestern, lockern die Oper auf. Julia Amos und Inga Schäfer trillern und zwitschern um die Wette, räkeln sich mit rot bestrumpften Beinen auf dem Bürgersteig und begreifen auf charmante Weise gar nichts von dem, was um sie herum passiert.

Der große Märchenonkel ist der Lehrer des Prinzen, Alidoro, den Christian Sist als von sich selbst hingerissenen Glücksengel gibt. John Zuckermans Ramiro, gesungen mit nervöser Phrasierung, hat wenig zu sagen. Das Aschenputtel singt Ileana Mateescu, in dieser Saison auch als Carmen zu hören. Sie beeindruckt mit ihrem Stimmumfang, klasklar bis in die Höhen, ein genuiner Koloraturmezzo ist sie nicht. Berückend schwermütig klingt ihr Lied vom König, das Bravourfinale „Non più mesta“ wirkt weniger mühelos.

Teilweise ist auch das, was man aus dem Orchestergraben hört, wunderschön: Feinsinnig begleitet Motonori Kobayashi Mateescus Königslied. In der Gewittermusik blühen die Linien geradezu auf. Das meiste aber klingt schaumgebremst. Kobayashi legt großen Wert auf präzise Rhythmik, aber die Musik schwingt sich daraus nicht frei. Deutlich fällt auf, dass die dynamische Abstimmung zwischen Sängern und Orchester zu wünschen übrig lässt, auch die mit dem munter aufsingenden Dortmunder Herrenchor.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare