Romy Schmidt inszeniert „Tschick“ in Bochum

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Mit Volldampf auf der Piste: Helge Salnikau (links) und Alexander Ritter in „Tschick“ am prinz regent theater Bochum.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Wenn Maik und Tschick in ihrem Lada losbrettern, dann sitzen sie auf zwei Umzugskartons, halten die Arme in Lenkradhöhe und zucken synchron, als rollten sie gerade über eine Schlaglochpiste. Nach knapp zwei Jahren ist die Bühnenversion von Wolfgang Herrndorfs wunderbarem Roman „Tschick“ (Uraufführung 2011 in Dresden, seitdem viele weitere Inszenierungen) im prinz regent theater in Bochum angekommen. Und Romy Schmidt inszeniert einen heiteren, herzerwärmenden Abend.

Die Bühnenfassung von Robert Koall lässt Maik erzählen, den Langweiler aus der 8. Klasse. Plötzlich sind Ferien in Berlin, die Mutter ist wieder zur Entziehungskur in der „Beauty Farm“, der Vater mit einer „Assistentin“ unterwegs. Und Maik allein zu Haus mit 200 Euro und der strengen Ermahnung, ja keinen Scheiß zu machen. Finstere Aussichten, auch weil Maik als einziger nicht zur Geburtstagsparty von Tatjana eingeladen ist, die superporno aussieht. Dann kommt Tschick, der Weißrusse, im geklauten Schrottlada vorgefahren und schlägt vor, in die Walachei zu fahren, zu seinem Großvater.

Fast zwei Stunden lang unterhält die Inszenierung mit dreieinhalb Darstellern bestens (Vater Klingenberg, gespielt von Christoph Wehr, erscheint nur in Videoeinspielungen). Helge Salnikau trifft als Erzähler fein den mal rotzigen, mal schüchternen Ton des vernachlässigten Wohlstandskinds. Er bewältigt eine Menge Text souverän und mit leicht unterspieltem, aber stets präsentem Berliner Zungenschlag. Alexander Ritter gleitet auf speziellen Rollschuhen manchmal wie ein Geist über die Bühne. Er hat stets eine Zigarette im Mund, übertreibt nie den Proll-Ton und zeigt unaufdringlich den Reifevorsprung gegenüber seinem Kumpel. Wenn sie im Lada durch die City flitzen, lassen sie Kassettenrekorder, Autofenster und so weiter pantomimisch um die beiden schnöden Kartons erscheinen. Diesen coolen Kids glaubt man die 14 Jahre und jede Vollbremsung. Sie werden kongenial verstärkt von Johanna Wieking, die nicht nur Maiks meist angeschickerte Mutter spielt, sondern auch das Schrottplatzmädchen Isa und alle weiteren Nebenrollen einschließlich des schießwütigen, aber eigentlich gutmütigen Kriegsveteranen Fricke.

Die Inszenierung wechselt zwischen längeren Erzählpassagen und pfiffig integrierten Spielszenen. Die weitgehend leere Bühne (Ausstattung: Sandra Schuck), eine angedeutete Straßenkreuzung, ist mit flachen Kästen bestückt, die geöffnet werden wie ein Klappbilderbuch. Dann springt ein Weizenfeld auf, eine Berglandschaft oder Frickes Hütte. Die gastfreundliche Familie Friedemann spielt Wieking mit Hilfe von Handpuppen, die ein rasantes Tänzchen hinlegen. Und als der Schweinelaster die Reise beendet hat und Maik und Tschick auf ihren Prozess warten, gibt es die Ereignisse bei Klingenbergs als Videoeinspielung in Form einer Familien-Soap, bei der Papa klatschende Schläge austeilt.

Da werden ganz unterschiedliche Formen und Spielweisen so verknüpft, dass es ganz organisch wirkt. Und Herrndorfs erzähltes Road-Movie reißt auch mit Mitteln des Off-Theaters mit. Großer Beifall für einen Abend, der in Bochum wohl lange laufen wird.

10., 11., 29.1., 5.2.,

Tel. 0234/ 77 11 17,

www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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