„Roméo et Juliette“ von Charles Gounod in Münster

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Roméo (Youn-Seong Shim) und Juliette (Henrike Jacob) in der Münsteraner Gounot-Inszenierung. ▪

Von Edda Breski ▪ MÜNSTER–Die Bedrohung kommt elegant daher: Roméo und seine Freunde schleichen sich in Fechtmasken auf dem Ball der Capulet ein, womit das Unheil seinen Lauf nimmt. Igor Folwill inszeniert am Großen Haus in Münster Charles Gounods lyrisches Drama „Roméo et Juliette“. Die Oper ist hier vor allem ein Ohrenschmaus, mit einem fein aufspielenden, sehr aufmerksam dirigierten Orchester und zwei Sängern in der Hauptrolle, die ihr Optimum geben.

Hendrik Vestmann führt sein Orchester mit Geschick durch die Partitur. Der Klang ist warm und flexibel, die Höhepunkte sind sorgfältig aufgebaut, Vestmann achtet auf Balance und Durchhörbarkeit. In der Schlussszene des dritten Aktes, „Ah! Jour de deuil“, erreicht das Ensemble eine wunderbare Intensität. Die Sänger sind insgesamt um Wortdeutlichkeit und flexible Phrasierung bemüht, der Chor allerdings kommt nicht immer mit. Roman Grübner fällt auf als junger Spötter Mercutio: agil und kraftvoll. Aufhorchen macht auch die junge Tijana Grujic als Stéfano. Sie singt ihr Gitarrenlied keck und lebendig. Henrike Jacob überzeugt meist in den Koloraturen und gibt eine aufmüpfige Juliette. Youn-Seong Shim gewinnt als Roméo seiner Stimme ein Höchstmaß an Glanz und Geschmeidigkeit ab.

Die Oper hat Überarbeitungen erfahren. Gounods Freund Georges Bizet hatte den Auftritt des Herzogs von Verona gestrichen, ebenso wie die Szene, in der Juliette dem Grafen Pâris vermählt werden soll. In Münster werden diese Szenen gegeben. Bizets Streichung ist nachvollziehbar, denn was er wegließ, waren im Grunde Erzählversatzstücke in der Handlung, die weniger Shakespeare nacherzählt denn die seelischen Zustände der „todgeweihten Liebenden“ auffächert. Auch in Münster hat das Längen.

Im Vorspiel liegt die Ahnung vom Ende. Die Klarinetten erinnern an Juliettes nahen Tod. Igor Folwill hat das aufgegriffen und stellt die Capulet – in Schwarz und Grün – und die Montague – in Schwarz und Violett – zu Beginn und am Ende voreinander auf. Roméo und Juliette stehen einander auf einer Drehscheibe gegenüber. Sie wie auch die Farbordnung spielen auch eine Rolle in dem Schauspiel „Romeo und Julia“, das im Januar in Münster Premiere hatte. Markus Kopf verlegte das Drama der beiden feindlichen Häuser in eine Technopartyszene. Folwill konzentriert sich auf die Antagonisten und das Liebespaar und verzichtet auf zeitliche Einordnung.

Die Kostüme (Ute Frühling) sind ziemlich sehenswert: üppige Kreationen in Schwarz für den Chor, als hätte man die textile Ausstattung eines Viscontifilms mit Avantgardekreationen aufgemotzt. Juliette ist der Lichtpunkt, ein Wildfang in Weiß und Apricot. In der Kampfszene kommen überflüssigerweise ein paar Springerstiefelträger dazu. Was zu gucken gibt es, als Tybalt (Jeong-Kon Choi voll Einsatz) Rad und Purzelbaum schlägt, bevor er im Fechtkampf fällt.

Die Bühnengestaltung (Manfred Kaderk) ist angenehm zurückgenommen: viel Schwarz, fahles Licht, ein anstrahlbarer heller Hintergrund. Die Zurückhaltung lässt der Musik Raum, vor allem in der Gartenszene, die als Traum in Nachtblau gehalten ist. Roméo schmachtet seine Juliette an, die in einer Art Turm seiner harrt: konventionell, aber schön. Einige Holzigkeit ist Folwill aber vorzuwerfen. Seine Führung der Hauptfiguren ist nicht immer geschickt. Und muss Juliette wie ein ungezogenes Kind gegen ihr Bettlaken kicken, als sie mit Pâris verheiratet werden soll? In der Musik ist nichts von Kindertrotz.

6., 10., 18., 20. Mai.; 20. Juni Tel. 02 51 / 59 09 100,

http://www.stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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