Roman Sikoras Groteske „Das Bekenntnis eines Masochisten“ am Schauspiel Dortmund

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Die Lust formt den Körper: Szene aus „Das Bekenntnis eines Masochisten“ mit Björn Gabriel und Marlena Keil.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Sebastian Graf steckt sich das Mikrophon in den Mund und grunzt ekstatisch, bis die Transistoren heiß laufen. Björn Gabriel singt das Lied vom anthropomorphen Pferd und windet sich schwuchtelig ums Mikrophon. Und Marlena Keil gibt die Spielverderberin, mal als kicherndes Mädchen, mal als routinierte Dienstleisterin, die jedes Risiko vermeidet.

Am Anfang sucht da ein Schmerzfanatiker nach Befriedigung. Dafür reicht es nicht, die Ruten in einer schicken Vase zu balancieren.

Der tschechische Dramatiker Roman Sikora spielt falsch in seiner Groteske „Das Bekenntnis eines Masochisten“. Wahre Qual, das zeigt die lustvolle deutsche Erstaufführung am Theater Dortmund, gibt es nicht auf dem Lotterbett, nicht mal bei Professionellen. Wer leiden will bis zum Kick, der muss in die Arbeitswelt. Der Herr M., Held des Stücks, durchläuft so eine Karriere. Er lässt sich ernsthaft und mit Freude quälen von Arbeitgebern. Was für eine Ekstase, wenn er mehr schuftet für weniger Geld. Und wenn sein Arbeitgeber ihn dann noch beschimpft und die Fabrikhalle reinigen lässt – mit der Zunge. Welche Wonne, wenn M. den Tag auf 48 Stunden ausdehnen muss, um mit den vier, fünf Jobs, die er braucht, um überhaupt etwas zu verdienen, fertig zu werden. Und am Ende gibt es noch eine Olympiade der Wichser, bei der er mit dem Ukrainer, dem Chinesen und anderen um die Krone der Selbstausbeuter wetteifert.

Regisseur Carlos Manuel inszeniert das schön grell pointiert in knackigen eineinviertel Stunden. Ausstatter Vinzenz Gertler hat ein überdimensionales Sofa ins Studio gestellt. Die Spielwiese wird aber recht schnell auseinandergenommen, runter mit den weichen Kissen, und zum kargen Malocher-Gerüst ummontiert.

Der Herr M. kommt dreifach daher, die bestens aufgelegten Darsteller teilen sich in ihn und die anderen Rollen auf, alle im gleichen grauen Geschäftsanzug, schön unauffällig. Sie geben – in bester Masochistenmanier – alles, ziehen blank und beißen in Hintern, singen rechten Rock („Verrecke, Drecksau, verrecke“) und dichten Helene Fischer auf Pferd um („Zügellos“), rufen die Gefühle ab von Geilheit über Empörung bis Hass und suhlen sich am Ende in der brachialen Erzählung der Akkord-Olympiade. Und wenn es hier auch nicht wirklich um Sex geht, kehrt der Besucher nach dieser Performance doch befriedigt heim.

12., 28.2., 6.3.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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