Im Roman „Frösche“ kritisiert Nobelpreisträger Mo Yan Chinas Ein-Kind-Politik

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Nicht nur staatstragend: Literaturnobelpreisträger Mo Yan.

Von Ralf Stiftel In einer Schlüsselszene von Mo Yans Roman „Frösche“ hat sich eine illegal Schwangere vor den Vollstreckern der Ein-Kind-Politik versteckt. Aber die Staatsgewalt kennt keine Gnade. Schweres Gerät ist aufgefahren. Wenn die Nachbarn nicht den Vater überreden, seine Tochter auszuliefern, werden ihre Häuser planiert.

Drastisch schildert der Autor eine Über-Sippenhaft, die Unschuldige bestraft, weil sie sich „die falschen Nachbarn ausgesucht“ haben, wie die Anführerin ausführt. Am Ende stellt sich die Frau und wird in die Klinik gebracht, zur Zwangsabtreibung, an der sie stirbt. Mo Yan hat das Drama aufs Äußerste zugespitzt. Die Schwangere ist die Frau des Ich-Erzählers. Aber auch die erbarmungslose Jägerin gehört zur Familie, ist seine Tante Gugu, die einmal als Geburtshelferin angetreten war. Inzwischen haben sich die Direktiven der Partei geändert. So setzt Gugu den Frauen, bei denen sie das erste Kind entbindet, ungefragt eine Spirale ein. Und wenn die Frauen die entfernen lassen und schwanger werden? Dann kommt die Jagd mit Soldaten, notfalls mit dem Kettentrecker.

Als Mo Yan 2012 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, gab es Proteste. Mo gehört zum Establishment der chinesischen Kulturszene, ist Vizevorsitzender der offiziellen Autorenvereinigung. Ist er darum ein Staatsautor? In offiziellen Stellungnahmen gab er sich als loyaler Bürger, rechtfertigte sogar die Zensur. Aber schon sein Name hat etwas Subversives: Eigentlich heißt er Guan Moye. Mo Yan bedeutet „Sprich nicht“. Und seine Bücher sind nicht angepasst.

Wie „Frösche“, das 2009 geschrieben wurde und nun auf Deutsch vorliegt. Der Titel ist ein Wortspiel im Chinesischen: „Wa“ heißt zugleich Frosch und Baby. In diesem meisterlich komponierten Roman hüpfen immer wieder die Amphibien durch die Handlung, werden als Speise aufgetischt, die der Ich-Erzähler eklig findet. Kein Wunder, gab er sich den Künstlernamen „Kaulquappe“. Dann wieder bevölkern die Tiere die bösen Träume Gugus, die von ihrem Gewissen gequält wird. Eine Froschfarm dient dem umtriebigen Wang Leber als Tarnung für ein Geschäft mit Leihmüttern.

Die Ein-Kind-Politik ist nur ein Feld, auf dem Mo Yan China sehr kritisch zeichnet. Sein Roman greift zurück bis in die 1950er Jahre. Am Anfang erzählt Kaulquappe, das Alter Ego des Autors, seine Kindheit. Da essen die Kinder Kohle. Der Hunger macht die Pinienkohle lecker, nur für einen nicht. Xiao Unterlippe war satt, „weil sein Vater das Getreide im Getreidespeicher verwahrte“.

Mo schildert eine Massenkritikversammlung, in der Gugu angeklagt wird. Ihr Verlobter, ein Jetpilot, hat sich nach Taiwan abgesetzt, zum Klassenfeind. Das macht auch sie verdächtig. Die Kader und Funktionäre kommen nicht gut weg, sie sind durchweg korrupt, bereichern sich, üben ihre Macht willkürlich aus. Was Gugu nicht hindert, eine treue Dienerin der Partei zu bleiben und sich den Spitznamen „Lebender Höllenfürst Yama“ zu verdienen. Diese zwiespältige Mutterfigur mag für das kommunistische Land stehen. Sie setzt die ideologischen Leitlinien um, aber sie führt dabei die Richtlinien an, erklärt – wie eine Mutter bei einem störrischen Kind.

Mo Yan beschreibt nicht nur die bürokratische Diktatur. Er zeigt lebendige Menschen. Er schildert, wie unter dem Kommunismus die alten Sitten fortleben, wie im Bewusstsein der Großmutter der Große Vorsitzende einfach den Platz des Kaisers einnimmt, der vielleicht die schöne und kluge Wan Herz heiratet? Die Kinder bekommen noch die alten Vornamen nach Körperteilen, heißen Galle, Unterlippe, Augenbraue. Man bittet die Nonnen im Tempel um Hilfe beim Kinderwunsch oder holt sich magische Tonfiguren. Selbst Gugu zitiert Glaubenssätze, wenn es ihr zupass kommt: „Buddha ist überall!“

Der Roman ist autobiografisch unterfüttert. Eine Tante von Mo diente ihm als Vorbild für die Heldin. Selbst seine Freundschaft zum japanischen Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe, der den jüngeren Kollegen ermutigte, ist in der Rahmenhandlung gespiegelt. Kaulquappe schickt die fünf Bücher des Romans als Briefe an seinen Lehrmeister Sugitani san. Viele Anspielungen erkennt der Leser kaum, einige sind in Anmerkungen erläutert. Trotzdem liest sich Mo Yans Buch auf Deutsch flüssig, wenngleich einige Wendungen wie „Geht’s noch“ etwas zu flockig daherkommen.

Vor allem verdeutlicht das Buch, dass das Stockholmer Komitee durchaus keinen Propagandaschreiber ehrte, sondern ein literarisches Schwergewicht. Was erst recht bedeutet, dass man Mo Yans politische Äußerungen genau und kritisch anhören muss.

Mo Yan: Frösche. Deutsch von Martina Hasse. Hanser Verlag, München. 509 S., 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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