Rolf Bauerdicks „Pakete an Frau Blech“

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Rolf Bauerdick

Es ist ein bizarrer Trauerzug, der sich mit Pomp und Paukenschlag aufmacht, um die sterblichen Überreste des Zirkusdirektors Alberto Bellmonti zu ihrer letzten Ruhestätte zu tragen. Hinter einem Elefantenbullen, auf dessen Rücken unter einem Baldachin die Urne des Grandseigneur und Meisters der Manege durch die Straßen von Berlin schaukelt, spielt eine Marching Band aus New Orleans unermüdlich den Trauerblues „St. James Infirmary“.

Bellmontis finale Inszenierung ist der Auftakt einer ebenso bizarren wie berührenden Ost-West-Geschichte. In seinem zweiten Roman „Pakete an Frau Blech“ führt Autor Rolf Bauerdick durch die fiktive Lebensgeschichte des Maik Kleine, der nach Berlin gereist ist, um von Bellmonti als einer Art Vaterersatz Abschied zu nehmen.

In Rückblenden schildert Bauerdick, wie Kleine in der Silvesternacht 1978/79 als fast 14-Jähriger auf ebenso tragische wie mysteriöse Weise in Leipzig seine Geschwister verliert und in die Obhut der Zwillingsschwester seiner Mutter nach Heidelberg gelangt. Vom dortigen Jesuitenkolleg führt Kleines Weg in die Welt des Zirkus’, der Magie und der Illusionen. Auch wenn er in seinem neuen fahrenden Zuhause und unter den Fittichen Bellmontis scheinbar seine Berufung findet, bleibt für ihn die Unrast des Suchenden. Mit dem Tod Bellmontis nimmt der inzwischen erwachsene Kleine die Suche nach Antworten auf, Antworten auf die Fragen seiner eigenen Vergangenheit.

Bauerdick, der für seinen Debüt-Roman „Wie die Madonna auf den Mond kam“ (2009, DVA) mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet wurde, zeigt sich in seinem Nachfolgewerk erneut als ebenso leidenschaftlicher wie warmherziger Erzähler. Mit feinem Gespür entwirft er Charaktere, die im einstigen Mächtespiel zwischen Ost und West alles andere als eine stromlinienförmige Biografie entwickelten. So stehen Kleine in seiner Suche der geniale, aber vom Leben enttäuschte polnische Kapellmeister Pjotr Stanislav Szymborski (genannt Szymbo) und die ebenso divenhaften wie verletztliche Illusionistin Albina Kurkova zu Seite.

Eine eigene Ost-Vergangenheit hat der gebürtige Sauerländer Bauerdick, der heute in Hiddingsel im Westmünsterland lebt, nicht. Auf der Folie der deutsch-deutschen Vergangenheit skizziert er einen Ausschnitt aus der Geschichte, wie sie hätte sein können. Bauerdick betreibt keine vordergründige Systemkritik, sondern beschreibt das Handeln von Menschen mit all seinen tragischen Folgen. „Es sind immer reale Menschen, die anderen das Leben zur Hölle machen“, sagt er. Als „Westler“ einen Roman zu schreiben, der großenteils im ehemaligen Osten spielt, sei für ihn nicht problematisch: „Die elementaren Fragen von Menschen sind gleich. Die Sehnsucht nach einem gelungenen Leben nach Freundschaft, Liebe und Sinn, aber eben auch die bitteren Erfahrungen von Ohnmacht, Gehässigkeit und Verrat.“

Während seiner beruflichen Laufbahn als Reportage- und Foto-Journalist zog es Bauerdick über ein Vierteljahrhundert lang immer wieder in die Randbereiche der Gesellschaft. Er traf Menschen mit gebrochenem Lebenslauf, deren Schicksal er aufschrieb oder dem schillernden Westen in teils preisgekrönten Fotografien vor Augen führte. Sowohl in seinem Roman-Debüt als auch in „Pakete an Frau Blech“ flossen viele dieser Erfahrungen ein.

In seinem aktuellen Roman verschmelzen historische Fakten und Fiktion, begegnen sich reale und erfundene Charaktere. Bauerdick lässt sie antreten in einer Mischung aus zeitgeschichtlichem Gesellschaftsdrama, Kriminalroman und Schelmenstück. Dabei erlaubt sich der Autor obendrein einen erzählerischen Exkurs in einen Budapester Hinterhof. Hier gelangt er zum Thema seiner Leidenschaft, das schon „Wie die Madonna auf den Mond kam“ prägte und Gegenstand eines weiteren Sachbuchs war: zum Leben der Zigeuner.

Bauerdick ist jemand, der am Ende an das Gute glaubt. Bei allem Widerstreit zwischen Schein und Sein, zwischen Wahrheit und Stasi-Lüge ist das Gute für ihn keine Illusion. Mit entsprechendem Antrieb stattet er seine Figuren aus. Es ist eine Freude, Bauerdicks Lust am Erzählen nachzuspüren, bis alle „Pakete“ aus der Vergangenheit entschnürt sind. „Aber vorher sollte dem Leser schon ein wenig jener diabolische Schwefelgeruch in die Nase steigen, aus jener Hölle, die Menschen einander zu Lebzeiten bereiten“, sagt er.

Rolf Bauerdick: Pakete an Frau Blech. Roman. Deutsche Verlagsanstalt, München. 416 S.,

17,99 Euro

Lesungen: 26. August, Werne, Stadtbücherei 19.30 Uhr;

24. September, Hamm, Akzente Buchhandlung 19.30 Uhr

Quelle: wa.de

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