Rolando Villazón in der Philharmonie Essen

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Kratzer auf der Stimme: Opernsänger Rolando Villazón ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Er hat einen Namen, der Häuser füllt. Rolando Villazón, mexikanischer Startenor, ist zurück in Essen, dieses Mal ohne Pauken und Geigen. In diesem Jahr tourt er mit einem Liederprogramm: Schumanns Zyklus „Dichterliebe“ gepaart mit Liedern von Massenet, Fauré, Duparc. Am Klavier sitzt in der Essener Philharmonie Gerold Huber, der sich überwiegend in der Rolle des behutsamen Begleiters fügt.

Und so wird wieder ein Opernstar zum Liedsänger, beziehungsweise er versucht sich daran. Villazón begeht, wie viele seiner Kollegen von der großen Bühne, den Kardinalfehler, Lieder so zu singen wie da-capo-Arien, eine nach der anderen. „Ich grolle nicht“ klingt wie ein Stück von Mascagni, die innigen Lieder von Blumen und der Liebsten könnten von Jules Massenet sein – einem sehr theatralischen Massenet. „Die alten bösen Lieder“, die begraben werden sollen, singt Villazón wie ein Schauermärchen. Im Grunde verkörpert er immer die eine Rolle, die ihn beliebt gemacht hat: den feurigen jungen Liebenden wie in Massenets „Werther“ oder als Verdis „Alfredo“. Deutsche Romantik in der Bearbeitung der französischen Grand Opéra, versehen mit südlich-tenoralem Feuer. Villazón bemüht sich, fühlt mit ganzer Seele mit – nur klingt das, als habe man die romantischen Texte mit wenig Präzision ins Spanische, dann ins Französische und wieder zurück übersetzt. Die Nuancen sind nicht da, die Tiefenschärfe fehlt. Für die Schumann-Lieder reicht das nicht, das haben auch deutschsprachige Sänger schon erfahren müssen. Dass die Betonungen vieler Wörter nicht stimmen, ist fast schon Nebeneffekt, leider ein unfreiwillig komischer.

Wenn das nur die einzigen Probleme des lebhaften Mexikaners wären! Aber seine Stimme, dieses herrliche, warme Dunkelgold, hat Kratzer bekommen, die wohl nicht wieder auszupolieren sind. Mit erst 39 Jahren ist Rolando Villazón noch der Publikumsliebling, aber seine Stimme macht den Stress nicht mit: Stimmbandprobleme seit fünf Jahren, Operationen, Pause, Comeback und wieder Pause. Dazu immer neue CD-Veröffentlichungen, Opern, Gastspiele.

Man zittert mit, wenn er sich auf die Massenet- und Duparc-Lieder wirft, wenn er forciert und die Stimme eng wird, wenn er drücken muss und doch an der Höhe nur vorbeiwischt, statt sie im freien Flug zu erobern; wenn die tiefen Töne ihm entgleiten und auch die einst so schöne, virile Mittellage immer kratziger klingt. Das schmerzt, weil Villazón so sympathisch ist, so jungenhaft und bei aller Theatralik ehrlich wirkt, und weil er sich so sehr darum bemüht, sein altes Feuer zu zeigen. Er flirtet, nimmt eine Dame in den Arm, verteilt Luftküsse und Rosen, strahlt bis zur Empore hinauf. Zwischen den Liedern sieht er düster aus. Die Anstrengung hinterlässt Spuren. Ein Mammutprogramm wie dies strengt schon zwei gesunde Stimmbänder an. Ihm schwindet die Kraft, die Pausen werden länger. Aber Villazón will‘s wissen, er badet im Applaus.

Manchmal gelingt es ihm noch: da steigert er eine schwebende Phrase in Henri Duparcs „Extase“ in einem weiten Legatobogen zu einem Höhepunkt, der leuchtet, der Dramatik hat und Leidenschaft und Kraft, wie einst im „Werther“. Mit den französischen Liedern fühlt sich Villazón wohler, sie versteht er, sie sind seinen Erfolgsrollen verwandter.

In der jüngsten Zeit hat sich Rolando Villazón dem Regiefach zugewandt; sein künstlerisches Temperament sucht sich neue Bahnen. Seine Bildsprache ist laut der Kritik lebhaft, aber unausgereift. Was für ein Sänger wäre das, wenn er sich nur Zeit zum Reifen gegeben hätte!

Quelle: wa.de

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