Rolando Villazón im Konzerthaus Dortmund

+
Ein guter Unterhalter, der seine Stimme nicht schont: . - Foto: Rest

Von Edda Breski DORTMUND - Angenommen, man könnte Rolando Villazón den Ton abdrehen: Es bliebe eine tolle Show. Der Lockenkopf wippt, die Augen rollen, mit heftig zuckenden Augenbrauen wanzt er sich an eine zweite Geigerin heran. Er ist der Mister Bean der Konzertbühne, schmachtender Held und Komiker mit steifbeinigem Chaplin-Abgang, ein Performer, der sein klatschfreudiges Publikum dazu bringt, in einer Generalpause mitten in der Arie mucksmäuschenstill dazusitzen. Während man ihm so zusieht, läuft im Hinterkopf Rossinis Faktotum-Arie aus dem „Barbier von Sevilla“ mit. Nur: Villazón singt Mozart.

Er singt ihn so, wie er Massenet sänge oder sogar eine der leichteren Mascagni-Rollen: als in die ganze Welt und in sich selbst verliebter Dauerjugendlicher. Das Konzerthaus Dortmund ist ausverkauft, weil der Star Villazón ein Bühnenmensch ist, der sich in seinen Auftritt wirft und sympathisch über die Rampe kommt, Händeschütteln und Rosenverteilen inbegriffen.

In den letzten zwei Jahren hat Villazón Mozart-Aufnahmen veröffentlicht: „Così fan tutte“ unter Yannick Nézet-Séguin, ein Album mit den Konzertarien für Tenor mit dem London Symphony Orchestra unter Antonio Pappano. Die Kombination scheint unschlagbar: der clowneske Tenorliebling und das heitere Komponistengenie. In Dortmund singt er eine Auswahl der Arien, acht sind überliefert.

Das Rezitativ und Arie „Misero! O Sogno“ (Köchelverzeichnis 431) entstand 1783. Es ist eine der reiferen Kompositionen in der Auswahl, unter den überlieferten Tenorarien sind viele Werke aus Mozarts Kindheit und Jugend. Villazón lässt einen Gefühlsstrom los. Zwischen die unruhigen Bläser, die fahlen Streicher der Einleitung bettet er seinen golden fließenden Tenor. Im Prestoteil dreht er emotional auf, um im Finale Volldampf zu geben. Villazón singt fast ständig mit Vollgas, drückt heftig auf die Stimme. Wackler kaschiert er, indem er danach noch mehr Dampf gibt. Das gibt Anlass zu Sorge, denn Villazón ist seit Jahren stimmkrisengeplagt und singt gefährlich offen. Hinzu kommt sein Bühnentemperament, das ihn ohnehin gern auf eine vokale Schussfahrt zusteuert. Gelegentlich verliert er den Kontakt zum Kammerorchester Basel, das sich an Villazón emotionalem Sturm und Drang redlich abarbeitet. Als „Zwischenmusik“ gibt es Theaterpomp: Märsche und, in drei Teilen, die „Prager Sinfonie“.

Acht Jahre alt war Mozart, als er „Va, dal furor portata (KV 19c) schrieb, es ist das Werk eines hoch begabten Kindes, das den seinerzeit beliebten verzierten Kompositionsstil aus Italien bearbeitet. Villazón begibt sich für seine Interpretation ins Varieté. Seine Triller sind keine musikalischen Verzierungen, sondern das stimmliche Pendant zum Augenrollen.

Die ersten Töne von „Per pietà, non ricercate“ (KV 420) schluchzt Villazón an. Halb erstickt singt er „si crudele in me lo sento“, wie überwältigt vom Gefühl. Seine Technik ist, wie sein Ausdruck, immer gleich. Er verschluckt eine Silbe, um auf der nächsten den Ton aufleuchten zu lassen. Verzierungen „beatmet“ er, statt sie organisch fließen zu lassen. So kommt es zu Wacklern, etwa wenn vor einem Oktavsprung der Ansatz nicht sitzt und er die Stimme tiefer drückt. Die nächste lyrische Phrase lässt er umso schöner aufleuchten, um sein Publikum wieder hinzureißen.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare