Roland Spohr inszeniert „Cabaret“ in Oberhausen

+
Ein Mann mit guter Laune: Jürgen Sarkiss mit zwei Kit Kat Girls in „Cabaret“ in Oberhausen ▪

OBERHAUSEN ▪ Das beginnt wie ein Rockkonzert: Dunkel, ein Kerl in Kutte tritt ans Mikrophon und testet schon mal an: „Please allow me to introduce myself...“, die Anfangszeile des Rolling-Stones-Songs „Sympathy For The Devil“. Räuspert sich. Bricht ab. „Ach nee!“ Testet anderes, „Voodoo Child“ und „Lucy In The Sky“. Erst dann setzt er richtig ein, guttural intoniert er die Zeilen: „Willkommen, bienvenu, welcome...“ Und hat schon das Musical verortet: In die rebellischen Jahre des Rock. „Cabaret“, uraufgeführt 1966, das sieht am Theater Oberhausen anders aus als anderswo. Von Ralf Stiftel

Hier zeigt Regisseur Roland Spohr, wie man mit den beschränkten Ressourcen eines armen Stadttheaters große Unterhaltung bietet, ohne auf inhaltliche Relevanz zu verzichten. Da hat man eben nur drei Kit Kat Girls und einen Boy. Da zählt das Orchester eben nur sechs Musiker. Da hat man eben keine Glamourbühne. Na und?

Wer braucht das schon, wenn er einen Conferencier hat wie Jürgen Sarkiss. Der steht da im Silber-Glanz-Anzug mit blondierter Monsterlocke und verpasst manchem Song wie „Money Makes  The World Go Round“ einen grimmigen Ton, als wär's ein Stück von Tom Waits. Der macht aus „Two Ladys“, der Hymne auf die Polygamie, einen derben Spaß mit übergroßen Gymnastikbällen. Der greift am Ende zur E-Gitarre und zerspielt die Nationalhymne wie einst Jimi Hendrix. Diabolisch gut.

„Cabaret“ von John Kander, Fred Ebb und Joe Masteroff ist ein Hit, spätestens seit der oscar-prämierten Filmversion von 1972 mit Liza Minelli. Aber es hat auch eine richtig gute Geschichte, die unglücklichen Abenteuer eines jungen Amerikaners in Berlin am Vorabend des Nationalsozialismus, die Liebe von Cliff Bradshaw zur Barsängerin Sally Bowles, die scheitert. Dieses Warnstück setzt die soziale Krise in Beziehung zur aufziehenden politischen Katastrophe. Die Regie bringt mit der Drastik, den grellen Farben und furiosem Tempo diese Seiten des Werks zur Geltung. Das Geschehen rückt an die Gegenwart heran: Wenn das Nazi-Lied „Der morgige Tag“ angestimmt wird, dann stehen unvermittelt einige „Zuschauer“ auf und singen mit. Und wer bliebe ungerührt vom schüchternen Werben des jüdischen Obsthändlers Schultz um die Zimmervermieterin Fräulein Schneider? Zumal Klaus Zwick und Susanne Burkhard das auch zwischen flotten Ballettszenen und lauten Songs sensibel ausdeuten mit kleinen Gesten.

In Oberhausen spielen sie ganz nah am Publikum. Sergej Lubic kommt als Cliff aus dem Zuschauerraum, drängt sich mit dickem Koffer zur Bühne, überzeugend in seiner Naivität. Alles fällt hier kleiner, enger, schäbiger aus als im Film, was der Geschichte nur gut tut, weil der Kit Kat Klub eben eine Kaschemme ist und kein nobles Etablissement. In Oberhausen sieht das „Cabaret“ glaubwürdig aus. Manuela Freigang schuf eine einfache Bühne mit vielen aufgehängten Neon-Wörtern, die als Show-Kulisse gut aussehen und die Handlung kommentieren: „Scheinwelt“ steht da und „ist alles hoffnungslos und verschissen“. Und Pianist Otto Beatus macht mit seinem Mini-Orchester ganz große Musik, lässt die Partitur zwischen Tingeltangel, Kurt Weill, Jazz swingen, dass es eine Freude ist.

Das alles holt die Oberhausener Bühne aus ihrem Ensemble. Die Sally Bowles allerdings gibt ein Gast, und wie: Vera Bolten, erfahrene Musical-Darstellerin u.a. als Scaramouche in „We will rock you“ in Köln, lässt es hier krachen. „Maybe This Time“ interpretiert sie als schlichte Jazz-Ballade mit ganz zurückgenommener Begleitung und reißt das Publikum zu Bravos hin. Und den Titelsong, natürlich, in den legt sie den ganzen Trotz, den Lebenshunger dieser Frau.

8., 16., 17., 28.11., 21.12.,

Tel. 0208/8578 184, http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare