Roland Butis Roman „Das Leben ist ein wilder Garten“

Roland ButiSchweizer SchriftstellerFoto: Sébastien Agnetti

Seine Tochter Mina nennt ihn einen zerstreuten Mann. Seine Frau hat ihn nach 16 Jahren Ehe verlassen. Und sein Angestellter Agon lädt ihn in den Schrebergarten, wo neben der Flagge des Kosovos viele Laubenbesitzer ihre Nationalität bekennen. „Jeder Parzelle haftet eine Aura des Heiligen, Unverletzlichen an, als profitiere sie von einem Extraterritorialstatus“, sagt Carlo, Vater, Ex-Ehemann und Landschaftsgärtner.

Carlo Weiss ist die Hauptfigur im Roman „Das Leben ist ein wilder Garten“. Der Schweizer Schriftsteller Roland Buti (56), der eigentlich Roland Bütikofer heißt und als Geschichtslehrer an einem Gymnasium arbeitet, begleitet seinen Antihelden durch eine Lebensphase. Offensichtlich hat Carlo seine besten Jahre hinter sich. Er reflektiert sein Dasein und schaut, was so auf ihn zu kommt. Es folgen Blicke in verschiedene Alltagswelten. Autor Buti beschreibt Stimmungen und Orte, wo Menschen zusammenkommen – eine Kunstschule in London. Hier studiert Carlos Tochter, die den Kontakt zum Vater eigentlich verloren hat. „Ich hatte das Gefühl, mitzuerleben, wie meine Tochter sich entmaterialisiert“, drückt Carlos seinen Missmut darüber aus, dass Mina für ihn nicht mehr greifbar ist und installative Kunst in einer Gruppenausstellung ohnehin keine Atmosphäre schafft, in der man sich wohl fühlt.

Roland Buti setzt ein paar Spitzen gegen den Zeitgeist. Und aus solchen Momenten spricht vor allem ein Missverhältnis seines Gärtners zur Gegenwart, die diesen Carlo erstaunt. Warum will seine Ex-Frau, eine Krankenschwester, nach Kambodscha, um Menschen zu helfen? Warum findet sie nichts mehr an ihm, obwohl es zu unkompliziertem Sex in London gekommen ist, bevor er wieder abreisen musste?

Carlo wundert sich vor allem. Er rekapituliert, aber anstelle einer erkenntnisgeleiteten Geschichte lässt einen Roland Buti vor allem spüren, wie hilflos sein Romanheld ist. Seine Mitarbeiter aus dem Kosovo, Agon, Bitil und Lastar, sind freundlich, aber undurchsichtig. Waren sie im Bürgerkrieg Opfer oder Täter? Im Schrebergarten wird Agon einmal angegriffen und durch Schläge mit Hacken und Schaufeln verletzt. „Lapuznik!“ riefen die Angreifer. So heißt ein Bergdorf, in dem Exekutionen stattgefunden hatten. Was sind die Aushilfsgärtner für Menschen?

Roman Buti lenkt etwas von Carlos Alltag ab, in dem er die Biografie der Mutter ins Zentrum der Geschichte stellt. Die demenziell erkrankte Frau hatte das Pflegeheim einfach verlassen und wurde in einem Hotel in den Schweizer Bergen aufgefunden. Carlo wird klar, dass er vom Leben seiner Mutter wenig weiß. Pia war schön, energiereich und lieferte das Brot ihres Vaters an das Luxushotel, wo sie nun im Salon mit einem alten Lehrer sitzt. Paul Favré, ein Freund, der erzählt, wie Carlos Mutter für eine Ornithologen-Gesellschaft Vögel malte und in den Grafen Hans von Bullion verliebt war. Das Grand National stand im Zweiten Weltkrieg auch betuchten Deutschen offen. Ein Refugium fern aller Kriegsgräuel.

Hier entwickelt Autor Buti eine Gegenwelt, in der Carlo immer nur zu Gast sein kann. Die gepflegten Umgangsformen des Direktors Scheidegger stimmen konservative Noblesse an. Seine Großzügigkeit gegenüber der alten Dame – sie darf bleiben – demonstriert, dass Pia Weiss eine besondere Person im Hotelbetrieb war. Warum ist man ihr verpflichtet? Zum Rätselhaften klingen allerdings auch viele Klischees an: Eine Liebe, die 1945 endete, ein Graf, der seine Rechnungen nicht bezahlte, eine Frau, die schweigt.

Carlo wird seine Mutter eines Tages im Ankleidesessel finden. Und Pia hatte die Welt verlassen, ohne dass ihr Sohn wusste, wer sie einst mal war. Mit diesen Erfahrungen implodiert Carlo noch ein bisschen mehr. „Das Leben ist ein wilder Garten“ steht vielleicht für das Bild eines Mann, der zu passiv ist, der teilnimmt, aber nicht gestaltet, der bequem ist, weil er zu spät nachfragt, der nicht agiert, obwohl er als Gärtner das Werkzeug mitführt.

Roland Buti erhielt 2014 den Schweizer Literaturpreis für den Roman „Das Flirren am Horizont“. Seinem aktuellen Buch fehlt die Erzählrichtung. Aus den Defiziten des Helden wird weder ein Gesellschaftsbild noch ein Charakterporträt.

Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten. Roman. Aus dem Französischen von Marlies Ruß. Zsolnay Verlag, Wien. 173 S. 20 Euro.

Quelle: wa.de

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