Uwe Rohbeck spielt einen Serientäter in Dortmund „Kannibale und Liebe“

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Fragen an den Serientäter: Axel Holst (von links), Uwe Rohbeck und Julia Schubert in Dortmund. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Klein sitzt Uwe Rohbeck hinter dem Tisch, so klein, und er windet sich ungelenk in seinem geblümten Altfrauenkleid, als wollte er sich am liebsten verstecken. Sein mit Lippenstift geschwärzter Mund lächelt verlegen. Ganz leise haucht er erst „Nein“. Nach einer Pause scheint es ihm einzufallen. „Doch“, murmelt er, und dann bricht es aus ihm heraus, in einer tiefen, kehligen Männerstimme. Den nächsten Satz aber spricht er wie ein Kind mit zagender, hoher Stimme. Irre, einfach irre.

Rohbeck zeigt im Studio des Schauspiels Dortmund die hohe Schule des Wahnsinns in „Kannibale und Liebe“. Das ganze Repertoire, mit dem ein Darsteller psychische Ausnahmefälle nachzeichnet, ruft Rohbeck ab, um jenen Ed Gein auf die Bühne zu bringen, der mit seinen Taten zum Urbild des Serienmörders in der us-amerikanischen Popkultur wurde. Bis in kleinste Gesten überzeugt das, sei es das breite Netter-Nachbar-Grinsen unter der Schirmmütze aus dem Sarg, sei es das Vampir-Krallen der hageren Hand nach der des Ermittlers, der erschrocken zurückzuckt. Schon das macht den Abend, den der Autor und Filmemacher Jörg Buttgereit geschrieben und inszeniert hat, sehenswert.

Der Titel mit seiner frivolen Klassiker-Anspielung täuscht aber. Das ist eher ein Marketing-Kniff – Schillers Trauerspiel „Kabale und Liebe“ steht parallel auf dem Dortmunder Spielplan. Buttgereit verarbeitet ganz anderen Stoff. Ed Gein (1906-1984) hat in den 1950er Jahren mindestens zwei Frauen ermordet und ihre Leichen, ebenso wie andere, die er auf Friedhöfen ausgegraben hatte, benutzt, um sich Masken und Gebrauchsgegenstände anzufertigen. Als er 1957 gefasst wird, ist die Nation geschockt. Und verarbeitet den Fall in Büchern, Filmen, Popmusik. Alfred Hitchcocks Thriller „Psycho“ basiert auf dem Vorbild, der Splatterfilm „Texas Chainsaw Massacre“ und das oscar-prämierte Werk „Das Schweigen der Lämmer“. Und im Song „Dead Skin Mask“ der Metalband Slayer ist Gein ebenfalls Hauptdarsteller.

In Dortmund sieht man nun ein Kammerspiel in einem ordentlichen Mittelschichtswohnzimmer, wie es Geins Mutter bewohnte, mit Tisch, Schaukelstuhl, sauberen Vorhängen und einer Tapete mit Gehirn-Dekor. Schon die Ausstattung von Susanne Priebs treibt mit dem Entsetzen Scherz. In einer Ecke steht ein Sarg, aus dem Gein sich gleich aufrichten wird. Eine aufgekratzt gut gelaunte Nachbarin (Caroline Hanke), eine schwarz geschminkte Psychologin (Julia Schubert), der Sheriff (Ekkehard Freye) und ein Captain der Bundespolizei, ein alerter Mann in Grey (Axel Holst), rollen den Fall auf. Wie da die Aktenlage mit verteilten Rollen vorgetragen wird, das trägt gelegentlich die Züge eines szenischen Essays. Selbst die eingespielten Songs von Slayer und Johnny Cash wirken wie Dokumente. Dabei werden auch einige unscharfe Schwarz-Weiß-Fotos aus dem „House of Horror“ projiziert, eins mit dem ausgeweideten, enthaupteten Körper eines Opfers, weshalb das Stück nur für Zuschauer ab 18 Jahren freigegeben ist. Doch diese Fotos sind leise gegenüber manchen Dingen, die man heute leicht online sieht. Der wahre Horror ereignet sich im Kopf des Betrachters.

Schwung gewinnt der Abend dadurch, dass Buttgereit das Potenzial an schwarzem Humor ausreizt, das dem Thema innewohnt. Und es geht ja vor allem darum, dass Geins Taten im kollektiven Bewusstsein allerlei Fantasien und Schaulust freisetzen. Da darf man doch lachen, wenn Gein sagt, er habe seine Menschenhaut-Masken nur kurz getragen, weil er doch so viel zu tun hatte. Oder wenn die Nachbarin kurz die Fassung verliert, als ihr klar wird, was der nette Nachbar ihr ab und zu geschenkt hat. Hirschfleisch jedenfalls nicht. Zwischendurch singen sie fromme Choräle, und wenn Rohbeck im Kleid sich für ein kurzes Ukulele-Solo aus dem Schaukelstuhl erhebt, vermittelt er einen herzig-bizarren Glücksmoment.

28.10., 17.11., 1.12., Tel. 0231/50 27 222, http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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