Uwe Rohbeck brilliert am Schauspiel Dortmund als „Elefantenmensch“

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Verstörende Fürsorge: Szene aus „Der Elefantenmensch“ in Dortmund mit Uwe Schmieder (links) und Uwe Rohbeck.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Wenn John Merrick in Dortmund auf die Bühne kommt, sieht das Publikum gleich alles von ihm. Nackt sitzt der „Elefantenmensch“ in einer Wanne. Der von mächtigen Verwachsungen übersäte Schädel, alle Wucherungen am Leib, der geschwollene rechte Arm liegen frei, und der Mund ist stets leicht geöffnet, so dass Speichel aus ihm läuft.

Der schmächtige Uwe Rohbeck füllt im Studio eine erschreckend realistische Ganzkörpermaske. Schon das macht diesen Theaterabend zu einem Erlebnis: Wie der Mann sich das schwere Material anverleibt, sich damit vereint und allein mit Gestik, intensiven Blicken, schwerfälliger Sprache diesen John Merrick zum Leben erweckt, uns spüren lässt, dass in dieser unförmigen Gestalt tiefe und sehr normale Gefühle leben. Denn dies ist kein Horrorfilm, sondern das Drama einer empfindsamen Seele, die in einen deformierten Körper gesperrt wurde.

Bekannt ist „Der Elefantenmensch“ als achtfach Oscar-nominierter Film von David Lynch. Der Regisseur Jörg Buttgereit liebt das Genrekino. In Dortmund inszeniert er aber ein Broadway-Stück von Bernard Pomerance, das ebenfalls auf der wahren Geschichte des Joseph Merrick (1862–1890) beruht. Die Inszenierung beginnt durchaus plakativ. Christoph Jöde holt in der bunten Uniform des Schaustellers Ross das Publikum mit „Herrr-einspatt-ziehrt“-Schreien aus dem Foyer. Im Studio wird Zuckerwatte gereicht. Rummelplatzatmosphäre. Auftritt Dr. Treves (Frank Genser), der Mann, der Merrick aus der demütigenden Zurschaustellung erlöst und ihn im London Hospital unterbringt. Treves erkennt, dass kein Schwachsinniger vor ihm steht. Er führt Merrick zu einem normalen Leben – oder zu dem, was er dafür hält.

Buttgereit hat sich in der abgelaufenen Spielzeit im Stück „Kannibale und Liebe“ mit dem Serienmörder Ed Gein befasst. Beim Stück von Pomerance aber schlägt er ganz andere Töne an. Er zeigt einfühlsam die Tragik des Menschen, der an einer seltenen und bizarren Krankheit leidet. Man kann die Entstellungen an Rohbeck nicht übersehen, nicht vergessen, wenn ihn Mrs. Kendall besucht. Aber wie sich zwei Menschen anfreunden, wie ihm die Schauspielerin in aller Unschuld den Wunsch erfüllt, einmal eine nackte Frau zu sehen, das spielen Rohbeck und Luise Heyer so, dass es keinen Betrachter kalt lässt.

Buttgereit meidet souverän jede Rührseligkeit. Immer wieder führt er in die Rummelplatz-Stimmung zurück, lässt zum Beispiel ein Nummerngirl (eine von vielen Rollen von Bettina Lieder) die Szenen einleiten. Da fliegen auch mal Salatköpfe. Und dass Merricks Wohltäter durchaus eigene Interessen verfolgen, zeigt er mit kleinen Einschüben. Jöde als Ross singt einmal „We Are All Prostitutes“. Der Schausteller nahm Pennies für Blicke auf den Elefantenmenschen. Der Arzt bekommt für gemeinsame Auftritte in der Gesellschaft seinen Lohn als Prestige. Und Klinikchef Gomm (Uwe Schmieder), der mit Backenart und Zylinder aussieht wie einer Charles-Dickens-Verfilmung entsprungen, freut sich über Zulauf.

Im Zentrum der Inszenierung aber steht das Schicksal einer Kreatur, die ihrer Umgebung ausgeliefert ist. Am Ende häutet sich Rohbeck, zieht mühsam die Maske ab und zeigt den zitternden Menschen darin. Ein passendes, ein großes Schlussbild.

5., 14., 27.12., 12., 24.1.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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