Roger Vontobel inszeniert Brechts „Im Dickicht der Städte“

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Manchmal kämpft man mit der Flasche: Szene aus „Im Dickicht der Städte“ in Bochum mit Maja Beckmann, Matthias Redlhammer und Florian Lange (von links). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Am Anfang sitzt George Garga selbstzufrieden und gelangweilt hinter dem Tresen der Multimedia Spielewelt in der Herner Straße. Das Publikum im Schauspielhaus Bochum sieht ihn durch Überwachungskameras, projiziert auf den Eisernen Vorhang. Er schnipst Papierfetzchen, mümmelt Kartoffelchips. Bis Shlink und seine Gangster kommen, auf Krawall gebürstet, und den „Kampf“ eröffnen, den Bertolt Brecht im Frühwerk „Im Dickicht der Städte“ beschreibt.

Regisseur Roger Vontobel vertauscht das Chicago des Textes mit dem Ruhrgebiet, indem er Film einsetzt. Wenn sich später das Geschehen auf die Bühne verlagert, laufen im Hintergrund immer wieder Projektionen, zum Beispiel von Garga-Darsteller Florian Lange, der nackt durch die nächtliche Stadt rennt.

Und mit Musik geht alles besser. Weshalb Daniel Murena auf einer Minibühne auf der Drehbühne allerlei Klänge produziert und mit Schauspielern zwischen den Szenen Songs vorträgt. Einzelne Darsteller greifen dann auch mal zu Gitarre oder Bass, und Matthias Redlhammer bläst als Holzhändler Shlink immer wieder beachtliche Soli auf dem Saxophon. Eine prächtige Bühne hat Claudia Rohner gebaut, besonders am Anfang. Da sieht Shlinks Holzhandlung aus wie die High-Tech-Zentrale eines globalen Konzerns. An einer Wand im Hintergrund hängt ein Bild aus Lichtlinien, irgendwo zwischen abstrahierter Stadtsilhouette und Spinnennetz.

Über all den Schau- und Hörwerten geht Vontobel allerdings Brechts Geschichte verloren. Dieser unmotivierte Kampf bis zum Äußersten, bis, wie Shlink am Ende sagt, „kaum die nackten Leiber“ übrigbleiben, den behauptet Vontobel nur. Fairerweise muss man sagen, dass schon Brecht mehr expressive Kraftmeierei bietet als innere Logik. Irgendwie geht es darum, dass der reiche chinesische Holzhändler das krude Spiel eröffnet, um sich seiner selbst zu vergewissern. Vielleicht muss man es auch einfach sportlich nehmen – Brecht war damals Boxfan. Zu den Kampfregeln gehört ein Rollentausch. Garga übernimmt die Firma und tut alles, um sie zu ruinieren. Shlink geht in die Familie Gargas und führt seine Schwester und Freundin in die Prostitution.

Vontobels Inszenierung wirkt wie der Entwurf zu einer neuen Scripted-Reality-Show für RTL II. Gargas Eltern sitzen in Fatsuits auf dem Sofa mit Chips und Dosenbier. Manky (Daniel Stock) redet und rappt so rassistische wie obszöne Parolen bis zum Mob-Aufruf „Töten“. Die Darsteller hängen sich richtig rein, Tim Porath als John Garga schreit tumbe Prollsätze mit vollem Mund, so dass Chip-Brocken fliegen. Lange schärft den Garga zwischen weinerlichem Frust und Kraftausbrüchen. Und besonders Redlhammer verleiht dem Shlink noch in den auschweifendsten Selbsterniedrigungen eine gewisse Würde, die berührt.

Was man vom wilden Treiben auf der Drehbühne nicht sagen kann. Da mag es noch so lärmen und blitzen, da mögen sie durch Wände brechen und prügeln und singen, da mag am Ende der nackte Garga bei Shlink im Gorillakostüm liegen, der nackte beim behaarten Affen, die zwei Stunden Spielzeit ohne Pause wollen einfach nicht voll werden.

15., 28.2., 10., 16., 29.3.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55,

http://www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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